Von Heinz Josef Herbort

Der Herr Generalmusikdirektor nahm kein Blatt vor den Mund: „In einer jeden Stadt oder in jedem Lande, wo die Künste kultiviert werden, haben solche ihre Ebbe und Flut, und in diesem Betracht ist der gegenwärtige Zeitpunkt für Hamburg nicht der glänzendste.“ Das war 1772, und Carl Philipp Emanuel, der zweite Sohn von Johann Sebastian Bach und director musices der fünf Hauptkirchen der Hansestadt sowie Kantor am Gymnasium Joanneum, informierte so Charles Burney, einen englischen Musikschriftsteller, der für ein Buch über den Zustand der Musik in Europa recherchierte. Zweihundertzweiundzwanzig Jahre später dürfte der Befund kaum anders lauten. Und er fiele vermutlich auch nicht positiver aus, wenn er über Carl Philipp Emanuels frühere Wirkungsstätte Berlin Auskunft zu geben hätte – oder über Baden-Baden, unser langjähriges Zentrum der Avantgarde-Musik.

Schon lange vor Beginn der allfälligen Haushaltsberatungen hatte der Hamburger Ministerpräsident, der hier Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt heißt, wissen lassen, es werde „Heulen und Zähneklappern“ geben, und sein Finanzsenator hatte vom „finanzpolitisch schwierigsten Jahr der Nachkriegszeit“ gesprochen. Am Ende des fünftägigen Feilschens um Plus und Minus mußte die Frau Kultursenatorin Christina Weiss letzten Freitag konzedieren, daß ihr Budget zwar nominell um fünf Prozent auf 368,8 Millionen Mark gewachsen war, sie aber trotzdem rund 18,6 Millionen wird einsparen müssen, davon 7,4 Millionen bei den Staatstheatern und 11,2 Millionen „im übrigen Kulturbereich“. Zwei Leichen sind bereits identifiziert: das Altonaer Theater und das „Musikfest Hamburg“.

Während freilich von ersterem bessere Kenner der Szene durchblicken lassen, das Institut sei vielleicht nicht ganz unschuldig daran, daß man ihm nun nach langem Aufenthalt auf der Intensivstation die noch lebenserhaltenden Apparaturen abschaltete, darf das 1994 zum fünften und wohl letzten Mal stattfindende „Musikfest“ immerhin von sich behaupten, einer typisch hamburgischen Sonderform von Berührungsangst gegengesteuert zu haben: Alle in Hamburg (und naher Umgebung) geborenen bedeutenden Komponisten haben die Stadt ziemlich schnell verlassen, meist unter nicht gerade günstigen Umständen – Johann Adolf Hasse, Johannes Brahms, Felix Mendelssohn Bartholdy, Paul Dessau (der ein Enkel eines Hamburger Synagogenkantors war, mit elf Jahren hier als Geigensolist debütierte, ein verschollenes Haydn-Konzert erstaufführte, später am Stadttheater als Korrepetitor und an den Kammerspielen als Hauskomponist arbeitete). Selbst so mancher hier „groß gewordene“ Zugereiste hat sich nicht lange halten können oder wollen: Georg Friedrich Händel ebensowenig wie Gustav Mahler. Daß György Ligeti wie Alfred Schnittke seit Jahren Hamburger Bürger sind, ist weder echten Hanseaten noch Quiddjes bekannt, ist im übrigen ein Verdienst der Musikhochschule, aber auf keinen Fall der Konzertveranstalter.

Die „Musikfeste“ nun hatten sich vorgenommen, das Œuvre eines dieser Verschmähten oder Vergessenen hervorzuholen und es mit etwas scheinbar Konträrem zu kombinieren, Klassisch-Romantisches mit Heutigem zu mischen in dialektisch aufklärerischer Absicht, Mahler mit Ligeti, Brahms mit Varese oder mit Schönberg und Jani Christou, Mendelssohn mit Scelsi oder, dieses Jahr, Robert Schumann mit Paul Dessau. Das wird in Zukunft nicht mehr sein können – die 570 000 Subventions-Mark werden fehlen.

Aber die Frau Kultursenatorin hat ja so unrecht nicht, wenn sie sagt, ein solches Vierzehntagefestival der Hochkultur sei ja wohl in wieder besser gewordenen Zeiten leicht neu einzuführen – was für all die kleinen Aktivitäten der Stadtteil-Kultur und der Off-Off-Off-Szene mit ihren Mini-Etats nicht gilt. Dort wäre tatsächlich verschwunden, was plattgemacht wurde – und so beließ man es an der Herz-Lungen-Maschine: die Öffentliche Bücherhalle und den Workshop in Stadtgeschichte, den Theaterkreis, die Vortragsreihe, den Sprachkurs, die Beratungsstelle – die Kultur einer frühesten Stufe, die erste Stelle für Kreativität, Zuhören-Lernen, Über-die-Dinge-Reden.

Es mutet freilich schon sehr merkwürdig an, daß niemand in der Kulturbehörde eine Verbindung gezogen haben soll zwischen all den Streichnotwendigkeiten und der Tatsache, daß der am 1. August 1997, also in drei Jahren, sein Amt antretende Staatsopern-Intendant Johannes Schaaf sich bereits zwei Jahre vorher ein Viertel, der zukünftige Geschäftsführer Albin Hänseroth ab Anfang 1996 vierzig Prozent, ab Anfang 1997 die volle Höhe des beachtlich sechsstelligen Gehalts vertraglich sicherten, ohne daß ihnen selber am Ende ihrer Vertragszeit oder jetzt den derzeitigen Amtsträgern ähnliche Summen abgezogen würden – was gut und gern ein Festival ermöglicht hätte. Nichts sei „schlimmer als Übergangszeiten, die nicht geklärt sind“, sagt die Frau Kultursenatorin, und sie hat ohne jeden Zweifel und ohne alle Häme recht – aber in ihrem Hause werden die Verträge offenbar von ziemlich furchtbaren Juristen abgefaßt, denen eigentlich ein Praktikum im Finanzressort guttäte.