Von Gabriele Venzky

Am Morgen war die Anzeige in der Zeitung in Bombay erschienen: "Gesucht Niere. A positiv. Hohe Belohnung." Und schon am Nachmittag meldete sich jemand. Er heiße Viswanathan, sagte er – so wie Hunderttausende andere auch in Südindien. Nein, ins Hotel wolle er lieber nicht kommen. Warum nicht ein Teehaus auf der Colaba High, da könne man besser reden.

Dort, an einem kleinen, bekleckerten Marmortisch, kommt er gleich zur Sache. "A positiv ist gar kein Problem, wenn Sie eine Woche Zeit haben." 4000 Dollar will der Agent für menschliche Ersatzteile für sich und den Spender haben. 3000 Dollar koste die Operation, und noch einmal 2500 die Medikamente und verschiedene Tests. "So billig bekommen Sie das nirgendwo", sagt Vishwanathan. Er ist an den Umgang mit Ausländern gewöhnt.

Nicht daran gewöhnt ist Om Prakash, der sich wenig später auf dieselbe Anzeige meldet. 30 000 Rupien – knapp 1700 Mark – will er für seine Niere. Er weiß ganz genau, daß dies der in den Slums von Bombay im Moment gängige Preis ist. "Wenn ich über einen Vermittler gehe, bekomme ich nur die Hälfte."

Seit die meisten westlichen Staaten Organtransplantationen verboten haben, bei denen lebende Spender einen Teil ihres Körpers für Geld verkaufen, und die arabischen Staaten aus religiösen Gründen Einwände haben (siehe Kasten), hat sich Indien zum führenden Organbasar der Welt entwickelt. 2000 Nierentransplantationen wurden vor zwei Jahren durchgeführt, 6000 waren es bereits im vergangenen, und die Nachfrage steigt. Dabei sind nicht nur Nieren gefragt; auch der Bedarf an Augen, Gewebe und menschlicher Haut nimmt ständig zu. Eine ganze Mafia verdient inzwischen am Organgeschäft: Mittelsmänner, Ärzte, medizinisches Personal und Gutachter.

Übervorteilt und ausgebeutet werden die Spender, ihre Armut und Unwissenheit. Schlimmer noch: Oft wird versucht, die Spender um ihr Geld zu prellen. 20 000 Menschen verschwinden jedes Jahr allein in Bombay spurlos, darunter viele Kinder. Niemand weiß, wie viele von ihnen in dubiosen Laboratorien stranden, wo den Körpern entnommen wird, was der Organmarkt verlangt. Selbst Skelette versprechen noch ein einträgliches Geschäft. Hunderte von Frauen und Kindern werden außerdem jedes Jahr aus Bangladesch herausgeschmuggelt, weil der Menschen-Nachschub in Indien nicht ausreicht. Viele solcher Frauen haben für den versprochenen Job im Ausland einem angeblichen Arbeitsvermittler sogar Geld bezahlt. Der kassiert dann ein zweites Mal ab, wenn das Opfer ausgeschlachtet worden ist.

Bombays führender Urologe B. N. Colabawala verdammt den Organhandel als "ethisch inakzeptabel, moralisch falsch und sozial entwürdigend". Und sein Kollege, der Nierenspezialist Ashok Kripalani, fügt hinzu: "Unglücklicherweise gibt es Ärzte, die auf das schnelle Geld scharf sind und Ausländer in ihren obskuren Kliniken operieren. Man kann sie nur stoppen, wenn man ein Gesetz erläßt, das das Ganze regelt." Seit Ende Juni gibt es dieses Gesetz nun. Künftig sind das Verkaufen und Kaufen von Organen strafbar, nur Blutsverwandte und Ehegatten dürfen noch spenden. Erlaubt sind lediglich Organübertragungen von Gestorbenen. Auch in Indien wurde heftig über die Frage gestritten, wann ein Mensch tot ist. Und man einigte sich schließlich wie in den meisten Ländern auf den Moment des Hirntodes.