Von Peter Coulmas

KÖLN. – Das Gespenst des Nationalismus, das Europa so viel Unheil beschert hat, verbreitet seit dem Zerfall der Sowjetunion wieder Angst und Schnecken. Das gedemütigte Rußland sucht seine einstige nationale und imperiale Größe zurückzugewinnen; in Italien erinnern nicht nur die Neofaschisten an die Zeiten des Duce und der anmaßenden nationalen Attitüden; in Frankreich geht bei der „neuen Rechten“ das Motto „La France d’abord“ (Frankreich zuerst) um.

Im wiedervereinigten Deutschland überrascht das Wiederaufkeimen nationaler Sehnsüchte nicht. Viele Deutsche, die sich aus Tradition im rechten Meinungsspektrum ansiedeln, verlangen Gleichberechtigung. Sie wollen so normal national sein wie die anderen Völker. Sie beklagen die Jahrzehnte der nationalen „Selbstdemütigung“, der ständigen Erinnerung an Auschwitz, der freiwilligen Unterwerfung unter die Philosophie der Alliierten, die allerdings eine Philosophie der Demokratie ist, was oft verschwiegen oder nur beiläufig erwähnt wird. Die Zeit des „Nationalmasochismus“ und der Fremdbestimmung sei ein für allemal vorüber, heißt es.

Die Herolde der „Normalität“ übersehen, daß der klassische Nationalismus zur Zeit seiner Entstehung ein Fortschritt war. Viele Nationalstaaten konstituierten sich aus republikanischem Geist. Die Sehnsucht nach Selbstbestimmung inspirierte die Schöpfer der neuen Nationen. Das Volk trat als selbstbewußtes Subjekt auf. Anstelle loyal dienender Untertanen fanden sich freie Bürger zusammen und schufen die Nation als Willens- und nicht mehr als bloße Herkunftsgemeinschaft.

Der heute wieder anschwellende Nationalismus hingegen ist ein Rückschritt. Denn wir leben im Zeitalter des Planetarismus, der Internationalität, der „Mondialisation“. Die Neonationalen aber suchen bestenfalls die heimatliche Enge, meist aber weit schlimmer – die vaterländische Großmachthaltung („Wiederherstellung des Bismarckreiches“). Sie sind rückwärtsgewandt, ihrer Gesinnung nach provinziell.

Die neuen Nationalen sind enttäuschte 68er, linke Renegaten, originäre Rechte, DDR-Nostalgiker, Okofundamentalisten. Sie stehen nicht im Verdacht, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus oder Gewalttätigkeit zu bejahen, wohl aber stehen sie für einen „gesunden Nationalismus“, der solche Emotionen auslösen kann. Einen „gesunden“ Nationalismus gibt es aber nicht.

Die kulturelle Prägung der Nationen durch Sprache und Sitten ist deren höchstes Gut, ihre Kreativität. Insofern ist die Liebe zur Nation, zum Deutschen und Deutschtum ebenso legitim wie wünschenswert. Diese Lebensform läßt sich freilich nur in einer offenen, pluralistischen Demokratie, nicht aber in einem auf sich selbst bezogenen Nationalstaat verwirklichen.

  • Peter Coulmas ist Mitarbeiter des WDR.