Von Gerd Rosenkranz

Eine gute und eine schlechte Nachricht hatte Hans-Ludwig Zachert dem US-Senat in Washington mitgebracht. Zum Thema „Bedrohung durch die osteuropäische organisierte Kriminalität“ verkündete der Chef des deutschen Bundeskriminalamtes (BKA) erst einmal die schlechte: Ganz offenbar gebe es weltweit eine neue „Nuklearkriminalität“. 241mal mußten sich seine Beamten allein im Jahr 1993 mit spaltbarem Material befassen. Seit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums 1991 habe sich die Zahl der registrierten Fälle mehr als vervierfacht. Doch dann konnte der BKA-Chef seine amerikanischen Gastgeber beruhigen. Zwar fände sich regelmäßig waffenfähiges Plutonium und hochangereichertes Uran auf den Angebotslisten der nuklearen Hasardeure. Doch gebe es bislang „keinerlei Belege, wonach die Anbieter tatsächlich über derartige Stoffe verfügen“.

Das war am 25. Mai. Was Zachert nicht wußte: Daheim im schönen deutschen Badenland hatte ihn die „Erkenntnislage schon überholt“, wie ein BKA-Sprecher kleinlaut zugeben mußte. Rein zufällig war der Singener Kriminalpolizei zwei Wochen zuvor ein marmeladenglasgroßer Bleibehälter in die Hände gefallen. Inhalt: 63 Gramm eines feinkörnigen dunklen Pulvers. Die Brisanz des Fundes ergab erst eine spektroskopische Untersuchung der Landesanstalt für Umweltschutz in Karlsruhe. Was die Beamten da in der Garage des Tengener Geschäftsmannes Adolf Jäkle aufgestöbert hatten, waren sechs Gramm hochreines Waffenplutonium, versetzt mit Quecksilber und Antimon. Euratom-Direktor Wilhelm Gmelin zeigte sich in einer ersten Reaktion erschrocken. „Europaweit“ sei noch nie zuvor vagabundierendes Material derartiger Qualität in die Hände der Nuklearermittler gefallen. Über die Herkunft des Bleigefäßes war sich der für die Spaltstoffüberwachung zuständige Gmelin einigermaßen sicher: „Unsere Kristallkugel sagt uns: Osteuropa.“

Hellseherei war nicht vonnöten. Der Bundesnachrichtendienst, Interpol und das amerikanische FBI haben inzwischen ermittelt. „Fund 113“, wie das Tengener Pulver amtsintern getauft wurde, stammt vermutlich aus einer russischen Atomanlage. Das Europäische Institut für Transurane in Karlsruhe hat die Zusammensetzung der Probe genau analysiert. Der für die deutschen Geheimdienste zuständige Kanzleramtsminister Bernd Schmidbauer zog daraus den Schluß, anhand dieses chemischen Fingerabdruckes müsse sich nicht nur die Herkunft, sondern auch der Weg des Plutoniums verfolgen lassen. (Siehe auch Seite 10.)

Gleichwohl blieb der russische Auslandsgeheimdienst auf Zachert-Linie, als die Analyseergebnisse in der vergangenen Woche veröffentlicht wurden. Seine Sprecherin Tatjana Samolis dementierte pauschal, daß waffenfähiges Material den Weg nach Deutschland gefunden haben könnte: „Es gibt keine Fakten, daß militärisches Plutonium geschmuggelt wird. Diese Tatsachen haben weder wir noch die Deutschen. Es gibt keine Hinweise auf eine Spur nach Rußland.“

So besorgniserregend der Tengener Zufallsfund auch ist – zum Bau der Bombe reicht er noch nicht. Bei ausgefuchster Sprengtechnik sind nach Ansicht von Fachleuten 600 bis 800 Gramm Pu-239 für eine atomare Detonation erforderlich. (Siehe auch Seite 11.) Experten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) in Wien veranschlagen die zum Bau eines Atomsprengsatzes „signifikante Menge“ Plutonium auf acht Kilogramm. Beruhigen kann das kaum. Bei dem Tengener Material könne es sich durchaus um eine Art Lockware handeln, glauben die Fahnder. Mit ihr wollte der Lieferant potentiellen Abnehmern oder Zwischenhändlern wahrscheinlich nur seine „Seriosität“ nachweisen. „Wer sechs Gramm liefern kann“, fürchtet die Physikerin Annette Schaper von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, „der kann möglicherweise auch sechs Kilogramm liefern.“

Die Episode belegt einmal mehr: 25 Jahre nach der Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags und ein Jahr vor den entscheidenden Verhandlungen der mittlerweile 162 Signatarstaaten über eine Verlängerung des Abkommens stehen die weltweiten Anstrengungen gegen die – unkontrollierte – Weiterverbreitung (Proliferation) der militärischen Nukleartechnologie vor ihrer bisher härtesten Bewährungsprobe. Schritt für Schritt scheint sich die Realität den Schreckensvisionen zu nähern, die in der Vergangenheit von nicht selten belächelten Mahnern an die Wand gemalt wurden. Plutonium, bombenfähiges Uran, High-Tech zur Konstruktion nuklearer Sprengsätze, schließlich Raketentechnik verteilen sich, immer mehr über den Globus. Den Kontrolleuren bleibt das Nachsehen – und manchmal nicht einmal das. Selbst Hans Blix, der schwedische Generaldirektor der Internationalen Atombehörde IAEO, bekennt: „Das System ist nicht perfekt.“