September 1994: Der Wahlkampftroß der CDU biegt in die Zielgerade ein. Helmut Kohl redet auf Marktplätzen, in Kulturpalästen; manchmal mag es auch ein ehemaliger Klub der Volkssolidarität sein. Der Kanzler spricht landauf, landab über den „Aufschwung“, begrüßt unter dem aufgeräumten Gelächter der Anwesenden die Fußkranken der sozialistischen Völkerwanderung und beschwört „die nationale Identität im vereinten Europa“. Die Zuhörer sind freiwillig dort; niemand hat sie herangekarrt oder unter falschem Vorwand herbeigelockt. Das ist die Demokratie, das ist der Wahlkampf, das geht in Ordnung.

Herbst 1994: Die Historiker Deutschlands bereiten sich auf ihr (zweijährliches) Verbandstreffen vor: den 40. Deutschen Historikertag. Geschichtslehrer, Professoren, Verlagslektoren – alle versammeln sich freiwillig, friedlich, ohne Waffen, um den Vorträgen zu lauschen. Mit besonderer Vorfreude erwartet man die feierliche Eröffnung am 28. September in Leipzig.

Da trifft es sich gut, daß auch Helmut Kohl und seine Wahlkämpfer am 28. September, nachmittags um vier Uhr, in Leipzig sind. Der findige Vorsitzende des Verbandes der Historiker Deutschlands, Lothar Gall, setzt offenbar auf Einsparungen durch Synergieeffekte und hat, anscheinend CDU-Generalsekretär Peter Hintze geflissentlich zur Hand, die Eröffnung des Historikertages mit der Leipziger CDU-Schlußkundgebung zusammengelegt.

Im Neuen Gewandhaus werden also neunzehn Tage vor der Bundestagswahl Dr. Helmut Kohl (über die „Nationale Identität im vereinten Europa“) und Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, sächsischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst (CDU), sprechen. Zum Ausweis des siegesbewußten Pluralismus der CDU darf auch der Leipziger Oberbürgermeister Dr. Hinrich Lehmann-Grube (SPD) ein Grußwort sagen. Diese kurzfristige Schieflage wird abends wieder zurechtgerückt, wenn Ministerpräsident Prof. Dr. Kurt Biedenkopf (CDU) die Historiker mit einem Vortrag über „Die Bedeutung der Geschichte für die Politik der Gegenwart“ begeistern wird.

Daß Helmut Kohl und seine Parteifreunde die Gelegenheit mit Freuden nutzen, verwundert nicht. Schließlich hat der Kanzler mittlerweile eingesehen, daß er alles selbst machen muß: nicht nur die Geschichte, sondern auch den dazugehörigen Mantel. Aber die Mitglieder des Historikerverbandes, die da am 28. September eine der ansonsten von den meisten wohl sorgfältig gemiedenen, unerträglichen Wahlkundgebungen über sich ergehen lassen müssen, fragen sich natürlich, was in ihren Vorstand gefahren ist. Hat es eine organisatorische Panne gegeben? Hat man versehentlich denselben Raum gemietet wie die CDU und macht jetzt gute Miene zum bösen Spiel? Oder hat man mit Absicht mitten in den letzten Wahlkampftagen die CDU-Spitze eingeladen – der Historikertag als Claque für Kohl? (Ein Verbandstreffen als Parteiveranstaltung, und das in Leipzig: Da war doch mal was ...)

Für die erste Version – die Panne – spricht einiges. Wenn es nicht einmal gelingt, den richtigen Raum zu organisieren, versteht man natürlich erst recht, warum der Verband der Historiker Deutschlands auch bei anderen Pflichtaufgaben versagt hat: keine Kritik daran, wie derzeit von ganz oben die Widerstandsforschung auf den Kalten-Kriegs-Stand der fünfziger Jahre zurückgestoßen wird. Und auch kein Protest gegen die (im Vergleich zum Umgang mit den Naziakten) bigotte Einschränkung der historischen Forschungsmöglichkeiten über die DDR.

Allerdings erscheint auch die andere Version plausibel (das Verbandstreffen als Parteiveranstaltung): Das Motto des Historikertages heißt „Lebenswelt und Wissenschaft“. Lebenswelt, das ist der Wahlkampf und die mißtrauisch beäugte Politik. Wissenschaft, das sind die apolitischen Historiker. Am 28. September, 16 Uhr im Neuen Gewandhaus, werden sie für einen kurzen Moment zusammengeführt. Wer ist dafür besser geeignet als der Kanzler der Einheit?

Oliver Th. Domzalski / Walter H. Pehle