Dönhoff: Herr Präsident, alle Welt zollt Ihnen Respekt und Bewunderung dafür, daß es Ihnen und Präsident Mandela gelungen ist, Ihr tief gespaltenes Land durch Versöhnung zur Einheit zu bringen. Viele, auch wir, könnten uns ein Beispiel daran nehmen. Haben Sie eigentlich, als Sie am 2. Februar 1990 Ihre Antiapartheidrede hielten, die Entwicklung vorausgesehen, die inzwischen stattgefunden hat?

de Klerk: Ja, ich muß sagen, wir haben eigentlich genau das vollbracht, was ich damals vor Augen hatte. Wir wollten Teilung der Macht, und wir haben jetzt eine Regierung der Nationalen Einheit, in der alle an der Macht teilhaben. Wir wollten eine Verfassung, einen Grundsatzkatalog und ein Verfassungsgericht. Und genau dies haben wir jetzt.

Dönhoff: Aber Sie waren doch ursprünglich zwar für Teilung der Macht, aber gegen die Herrschaft der Mehrheit?

de Klerk: Ja, gegen eine simple majority rule. Wir sagten, wer 51 Prozent der Stimmen hat, soll nicht 100 Prozent der Macht haben.

Dönhoff: Wenn 1999 die fünf Jahre der Regierung der Nationalen Einheit vorüber sind – gibt es dann irgendeine Garantie für Minderheitsrechte?

de Klerk: Ich denke, daß solche Garantien durch den Grundsatzkatalog gewährleistet sind. Außerdem, was Schul- und Sprachfragen angeht, da haben wir sehr weitgehende Vorkehrungen für kulturelle Rechte festgelegt.

Dönhoff: Fünfzig Jahre als politischer Beobachter haben mich gelehrt, daß in der Politik nichts gefährlicher ist als enttäuschte Erwartungen. Wenn ich an all jene Versprechen denke: Arbeitsplätze, billige Wohnungen, Erziehung, medizinische Versorgung, dann kann ich mir nicht vorstellen, wie diese Versprechen erfüllt werden können.