Von Anna von Münchhausen

So schnell könnte alles in Fahrt kommen. Doch immer fängt es damit an, daß es nicht losgeht. Wann geht der Flieger? Wann kommt das Taxi?

Nichts kommt in Fahrt. Schuld ist der Lastminute-Blues. Schatten wirft der Abschied, Zweifel kriechen hoch: Warum jetzt? Warum gerade Kalifornien (Bad Kohlgrub, Hammerfest)? Zur Ortsveränderung sind Reisende entschlossen, nur packen wollen sie nicht. Denn das heißt: sich entscheiden, sich festlegen, sich trennen. Der ganz harte Schnitt muß es sein. Dies kommt mit und das bleibt da. Ja, so fängt sie an, die Packerei.

Der Mensch und sein Koffer, das Symbol der Reise unseres Lebens, von hier nach dort und nie zurück, die Illusion der Ausrüstung, Stoff für steinschwere Gedanken auf Langstrecke. Ob Pack-Chaoten, -Genies oder -Pragmatiker, alle schwören, es sei die Hölle. Eine Selbstbezichtigung: "Ich", sagt Katja, die elegante Berlinerin, "packe immer zu spät. Ich tue so, als ob diese Reise nie stattfindet. Schließlich reiße ich fünf Gepäckstücke aus dem Schrank und entscheide mich für das kleinste. Immer verkehrt. Dann das vertraute Verhängnis – selbst T-Shirts und leichte Hosen verwandeln sich in meinem Koffer in einen Bismarck aus Blei. Das ändert nichts daran, daß ich eine halbe Stunde nach der Ankunft feststelle: Ich habe überhaupt nichts anzuziehen..."

Genies lassen packen. Nicht nur unselbständige Ehemänner über Fünfzig, die vorgeben, keine Unterhose von einem Schuhbeutel unterscheiden zu können. Auch unter Singles treten Delegierer auf. Christian, der vielgereiste Hamburger: "Ich suche jemanden, der für mich packt. Frage einfach einen Freund, ob er nicht vorbeikommen mag. Er kommt. Der Kleiderschrank ist halb ausgeräumt, alles fliegt durcheinander, und ich schlage vor: Soll ich nicht etwas kochen für uns beide, und du packst derweil meine Sachen?"

Plötzlich geht es leicht, so leicht, und das Mosaik fügt sich zusammen. Wie frischgebügelte Taschentücher werden Komplimente für den Freund in die Luft geworfen: "Alles so eng gestapelt, daß nichts verrutschen kann. Die Sakkos hinein, die Hosen zur Hälfte rechts und links überlappend obendrauf, dann die Arme des Sakkos wie zum Gebet verschränkt gefaltet und die zweite Hälfte der Hosen umgeklappt drüber." Dazu Hemden, Schuhe, Unterwäsche und Strümpfe, Seifentasche, das Schwere dicht beim Scharnier. Fertig. Regeln gibt es nicht, nur Packschulen. Röllchen oder Lagen, da trennen sie sich. Anhänger der Rolltechnik schwören, knitterfreie Ankunft garantiere nur sie.

Selbst unter amerikaerprobten Fußballern fand sich einer, der selbst nicht Hand anlegen wollte. Oder konnte? Dann wäre ihm bitter Unrecht geschehen. "Stinkefinger" Stefan Effenberg "rastet aus, tobt, schreit, wütet", berichtet Bild. "Im Mannschaftshotel angekommen, faucht er Zeugwart Hönel an: ‚Pack mir die Koffer.‘ Damit ist das Maß endgültig voll." Der Koffer aber ist immer noch leer.