Von Julius Posener

Der 9. Thermidor des Jahres zwei (der 27. Juli 1794) ist der Punkt der Umkehr in der Großen Revolution: Lange vorausgesehen, vorausgewünscht – der Revolutionsführer Danton sagte, als man ihn verurteilte: „Ich ziehe Robespierre nach, Robespierre folgt mir“ –, aber die Umkehr wurde vorsichtig, langsam, bis zuletzt zögernd ins Werk gesetzt.

Beim „Fest des Höchsten Wesens“ Anfang Juni 1794, bei dem Robespierre, das Haupt der Revolutionsregierung, als Oberpriester waltete, hatte man gehofft, es werde mit den Hinrichtungen ein Ende haben; aber der systematische Terror begann erst dann. Selbst das „Fest des Höchsten Wesens“, diese seltsame Zurückweisung des Atheismus, hatte Leichen gekostet. Das „Fest“ war kein Ende, war ein Anfang. Erst danach konnten Abgeordnete des Konvents ohne weiteres verhaftet werden. Der Fall eines Abgeordneten ist bekannt geworden, der während einer Rede Robespierres in eine sorgfältige Beschreibung seiner eigenen Person hineinbrüllte: „So nennen Sie doch meinen Namen!“, und Robespierre: „Ich habe Bourdon nicht genannt. Wehe dem, der sich selbst nennt!“

Saint-Just, der Präsident des Konvents, der Robespierre sehr nahestand, hat es auf diese Formel gebracht: „Was wollt Ihr, die Ihr den Anstand nicht wollt? / Was wollt Ihr, die Ihr den Terror nicht wollt?“ Ich habe das Wort vertu, das Saint-Just gebraucht hat, mit „Anstand“ übersetzt; was nicht alles sagt. Aber das deutsche Wort „Tugend“ ist komisch geworden. Vertu also: vertu et terreur, beide aneinandergekettet. Das war der Leitsatz, der seitdem mit dem Namen Robespierre verbunden ist.

Maximilien de Robespierre war und blieb Schüler von Jean-Jacques Rousseau, Mann der Prinzipien und der Konsequenz. Er hatte in seiner Vaterstadt Arras sein Richteramt niedergelegt, denn er sollte ein Todesurteil unterzeichnen, und er war gegen die Todesstrafe. Er hatte auch als Abgeordneter der ersten Nationalversammlung gegen die Todesstrafe gesprochen. Damals forderte er ebenfalls „das Bürgerrecht für Juden, Farbige und Schauspieler“, eine seltsame Zusammenstellung. Ihr Gemeinsames: Alle drei waren vom Bürgerrecht ausgeschlossen. Ich glaube nicht, daß Robespierre viel von Juden oder von Schauspielern gewußt hat; nur eben dies: daß man ihnen gleiche Rechte wie allen anderen schuldet.

Robespierre mußte aber erleben, wie – besonders im Jahre 1791 – die Revolution stillstand, ja, zurückgedrängt wurde. Die Revolution war furchtbar, und man wollte das Erreichte in Ruhe genießen. Diese Reaktion ging so weit, daß in eine Bürgerversammlung zum Gedächtnis der revolutionären Ereignisse hineingefeuert wurde, es gab Tote und Verletzte. Für Robespierre eine entscheidende Erfahrung. Es ging also nicht friedlich; so sollte es denn gewaltsam gehen.

Die Revolution geriet zusehends in Gefahr. Der Krieg, gegen den er, Robespierre, sich gewandt hatte, war nun da. Gegen die Revolution stand eine monarchische Allianz, und der General der Truppen, die in Frankreich eingerückt waren, der Herzog von Braunschweig, hatte hübsch offen gesagt, was mit der Revolution und den Revolutionären geschehen würde, sobald er Paris eingenommen hätte, und es sah ganz so aus, als würde dies bald geschehen. Soweit die Bedrohung von außen.