Von Fritz Vorholz

Ulm war natürlich schon immer eine Reise wert: Stadt mit dem höchsten Kirchturm und der kürzesten Straßenbahn der Welt; Geburtsort des Genies Albert Einstein und Lebensstätte von Albrecht Berblinger, dem ersten Menschen, der schon vor mehr als 180 Jahren ernsthafte Flugversuche unternahm; lebensfrohe Messe- und Wissenschaftsstadt am Rande der Schwäbischen Alb, kurz: eine "ungewöhnliche Stadt", wie die Touristenwerber versprechen.

Seit wenigen Monaten gibt es einen weiteren "ungewöhnlichen" Grund, nach Ulm zu fahren, um dort das Stadtoberhaupt Ivo Gönner zu treffen. Der Mann, Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und von Haus aus Rechtsanwalt, hat nämlich Großes vor: Die 110 000-Einwohner-Kommune soll Vorbild dafür werden, wie die Menschheit in Zukunft leben und wirtschaften könnte, ohne den Planeten zu zerstören. Deshalb gründeten Gönner und eine Handvoll Gleichgesinnter, typisch deutsch, Ende vergangenen Jahres erst einmal einen Verein: den Ulmer Initiativkreis nachhaltige Wirtschaftsentwicklung e.V.

Was Gönner und seine Mitstreiter planen, darunter Wissenschaftler und mittlerweile auch die ersten Manager, hieß früher schlicht vorausschauende Verkehrs-, Wohnungsbau- oder auch Wirtschaftsförderungspolitik. Das Netz der Straßenbahn soll verlängert, die Energieversorgung klimaschonend ausgebaut werden. Beim Bauen will man auf Problemstoffe verzichten. Und ganz in der Tradition des Pioniers Berblinger hat Gönner 100 000 Mark für den ausgelobt, der in zwei Jahren ein solarbetriebenes Fluggerät vorführen kann. "Es müssen Signale gesetzt werden", sagt Gönner. Seine Vision für Ulm: von Rohstoffen unabhängiger zu werden, die Stadt zum "Jungbrunnen für Innovationen" zu entwickeln.

Das klingt vernünftig. Doch warum dafür ein neues Etikett? Warum Nachhaltigkeit – wo doch das Ulmer Stadtoberhaupt unumwunden eingesteht: "Ich weiß bis heute selbst nicht so ganz genau, was das ist." Gönner ist nicht der einzige, der ratlos ist. Auch Helge Majer, Ökonomieprofessor an der Stuttgarter Universität und einer der Nachhaltigkeitsapostel in Deutschland, ist auf der Suche. Majer, Vorstandsmitglied des Initiativkreises, hofft freilich, ausgerechnet in Ulm herauszufinden, was ihn umtreibt – was nämlich genau Nachhaltigkeit bedeutet.

Noch ist es, sagt der CSU-Politiker Josef Göppel, Vorsitzender des Deutschen Verbandes für Landschaftspflege, der sich für die nachhaltige Entwicklung von ländlichen Regionen stark macht, nicht mehr als eine "geistige Knetmasse" – eine Herausforderung, die auch den Bonner Umweltminister Klaus Töpfer fasziniert. Für ihn stellt Nachhaltigkeit den "neuen kategorischen Imperativ" dar: "Handele so, daß die Konsequenzen deines Tuns die Möglichkeiten eines lebenswerten Lebens auf der Erde nicht in Frage stellen!"

Nachhaltigkeit, einmalige Karriere eines Begriffs, ist das neue Modewort aller Umweltbewegten. Kein anderer Ausdruck wurde beim Erdgipfel in Rio de Janeiro vor zwei Jahren häufiger benutzt als sustainable development, die englische Version von Nachhaltigkeit. Längst haben die Vereinten Nationen eine Kommission für nachhaltige Entwicklung (CSD) gegründet, deren Vorsitzender Klaus Töpfer ist; längst gibt es einen hochkarätig besetzten Unternehmerrat für nachhaltige Entwicklung (BCSD), in dem Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter mitwirkt.