Von Christian Tenbrock

Daß die Erde an der Schwelle zum asiatisch-pazifischen Zeitalter steht, gilt vielerorts als ausgemachte Sache. Europa stagniert, im Fernen Osten dagegen explodiert die Wirtschaft. Schon jetzt ist der Warenaustausch zwischen Asien und den Vereinigten Staaten weitaus größer als der Handel Amerikas mit der Alten Welt. Die Konsequenz nach Ansicht der meisten Fachleute: Die USA orientieren sich nach Westen. Der Pazifik wird vor dem Atlantik zum Weltmeer Nummer eins.

Falsch, sagen die Autoren einer jetzt in Washington vorgestellten Studie. Die transatlantischen Beziehungen, so die beiden Forschungsanstalten North Atlantic Research und Economic Strategy Institute, bleiben im Gegenteil auch in Zukunft der Angelpunkt der Außenpolitik Amerikas – nicht nur auf dem Gebiet der Sicherheit, sondern auch in der Wirtschaft: "Nach wie vor behauptet sich die Europäische Union als der einträglichste und größte ökonomische Partner der Vereinigten Staaten", heißt es in "Skrinking the Atlantic: Europe and the American Economy".

Statistiken belegen diese Auffassung:

  • Europa ist noch immer der größte Investor in Amerika. 59 Prozent aller Auslandsinvestitionen entfallen auf europäische Firmen, nur 26 Prozent auf Unternehmen aus Asien. Umgekehrt ist die Alte Welt nach wie vor das bevorzugte Ziel amerikanischer Investitionen in Übersee – fast die Hälfte der Kapitalanlagen Amerikas gehen nach Europa, gerade 16 Prozent nach Asien.
  • Europäische Unternehmen geben pro Jahr im Durchschnitt sieben Milliarden Dollar für Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in den Vereinigten Staaten aus, asiatische Firmen nur eine halbe Milliarde. Auf Betriebe aus Europa entfallen damit gut zehn Prozent aller Aufwendungen für die zivile Forschung in Amerika. Auch der Technologieexport in die USA ist bei den Europäern wesentlich größer als bei den Asiaten.
  • Zwar ist Asien zum größten Exportmarkt Amerikas geworden. Aber während die Vereinigten Staaten mit Europa ein Handelsbilanz-Plus verzeichnen, müssen sie im transpazifischen Warenaustausch tiefrote Zahlen schreiben. Selbst ein fallender Dollarkurs kann daran nichts ändern.

Rund 95 Prozent des transatlantischen Güteraustauschs verlaufen zudem völlig reibungslos. Auch bei wiederholt von harten Handelskonflikten betroffenen Schlüsselbranchen wie Elektronik, Telekommunikation und Flugzeugbau können die Amerikaner Überschüsse registrieren. Viele große amerikanische Unternehmen machen überdies einen guten Teil ihrer Gewinne auf dem alten Kontinent: Bei Microsoft etwa entfielen 1992 über ein Viertel der Einkünfte auf das europäische Geschäft. Alle Töchter von US-Firmen zusammen verdienen in Europa jährlich über 800 Milliarden Dollar oder dreizehn Prozent des gesamten amerikanischen Bruttoinlandsprodukts.

Europäer und Amerikaner, schreiben die Autoren der Studie, Robin Gaster und Clyde Prestowitz, könnten auf ähnliche kapitalistische Systeme bauen. Dagegen herrschten zwischen Asien und Amerika erhebliche Unterschiede, die der Vertiefung der Beziehungen Schranken setzten und für erhebliche Schieflagen im Austausch von Technologie, Kapital und Gütern sorgen würden. Angesichts abgeschotteter Märkte und ungewisser Wachstumsaussichten vor allem in Japan und China sei überdies unsicher, ob die wirtschaftlichen Verbindungen über den Pazifik ungestört ausgeweitet werden könnten.