Von Klaus Hartung

Magdeburg

Es könnte durchaus sein, daß Reinhard Höppner gerade durch seine größte Fähigkeit in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht wird, durch sein phänomenales Talent, Konflikte zu moderieren. Allseits anerkannt ist es; selbst seine Gegner verlassen sich darauf. Höppner wurde ein Jahr vor Gründung der DDR geboren. Seit 1980 war er Präses der Synode der Evangelischen Kirche Sachsens. Als Vizepräsident der letzten Volkskammer leitete er immer dann die Sitzungen, wenn es schwierig wurde. Höppners große Zeit.

Übersicht und souveräne Kenntnis der Geschäftsordnung beeindruckten nicht nur Abgeordnete aller Fraktionen, sondern auch die westdeutschen Journalisten. Schnell galt er als „politisches Naturtalent“ (FAZ). „Die Vorbereitung der Minderheitsregierung, da war er wieder richtig in seinem Element“ – Hans-Jochen Tschiche, der Fraktionsführer der Bündnisgrünen und Verhandlungspartner, konstatiert das nicht ohne Süffisanz. Überhaupt sei der „Herbst 89 mit ihm durchgegangen“. Tatsächlich begründete Reinhard Höppner auf dem SPD-Parteitag am Wochenende das rotgrüne Projekt aus „den gemeinsamen Erfahrungen des Herbstes 89“.

Tschiche konzediert, daß ohne Höppners Kompromißideen die Koalitionsverhandlungen an den zwei entscheidenden Streitpunkten – das Thema Endlager in Morsleben und die Frage der Chlorchemie – in eine Krise geraten wären. Aber wie soll diese Minderheitsregierung mit dem Programm des Konsenses in Sachfragen über den Herbst kommen? Als Christoph Bergner, der bisherige CDU-Ministerpräsident, Höppner als „politischen Triebtäter“ titulierte, war der zutiefst schockiert. Während des Wahlkampfes hatten ihm seine Parteigenossen vorgeworfen, er sei nicht aggressiv genug; er beute die „Gehälteraffäre“ der Regierung Münch nicht genug aus. Die Niederlage eines politischen Gegners auszunützen ist ihm jedoch fremd, er könnte ja ein Verhandlungspartner sein, der nicht gedemütigt werden darf.

Insgeheim hadert Höppner aber mit diesem Talent zum Konsens. Vehement wehrt er sich gegen eine Nur-Moderatoren-Rolle. Daß ihn am Wahlabend die Parteibasis mit ihrem geschlossenen Appell für eine rotgrüne Minderheitsregierung überrascht habe, gibt er zu. Er selbst habe zunächst einmal die „Option für eine große Koalition offengehalten“. Aber dem Verdacht, er sei bloß dem Druck der Basis gefolgt, widerspricht er wortreich. Unvermeidlich kommt da die Standardformel aus seinen Reden: „Das kann man mit mir nicht machen.“ Sie ist zugleich der höchste Ausdruck seiner politischen Leidenschaft. Das Manko an Charisma und Ausstrahlung spürt er selbst, denn er kennt die Erwartungen seiner ostdeutschen Landsleute: „Die DDR war konstruiert wie eine Großfamilie mit einem tyrannischen Großvater.“ Nun gebe es „die Hoffnung auf den guten Vater wie im Falle von Münch, Stolpe, Biedenkopf. Ich will diesem Bedarf nicht entsprechen, aber man muß es im Hinterkopf halten.“ Die „Lust zur Selbstdarstellung“ bei westdeutschen Politikern ist ihm gänzlich zuwider. Die Selbstdarstellung hat auch einen Parteinamen: Gerhard Schröder. Im Hause Höppner gilt der niedersächsische Ministerpräsident als schwerer Fall prinzipienloser Freude an der Macht. Als Schröder bei einer Betriebsbesichtigung schulterklopfend an seinem Parteifreund vorbeieilte, um Herr im Hause zu spielen, bestrafte ihn Höppner hart durch bescheidene Zurückhaltung.

Reinhard Höppner vertritt durchaus den Typ der jetzigen Führungsgeneration in der ostdeutschen Sozialdemokratie. Wie Ringstorff in Mecklenburg-Vorpommern, Kunckel in Sachsen und Schuchardt in Thüringen ist er Naturwissenschaftler. Als Externer promovierte er in Dresden. Thema: „Sigmafinite invariante Maße“. Da ging es beispielsweise um die Frage, wie sich der Übergang von zufälligen Wirbelbildungen in eine gleichmäßige Strömung mathematisch erfassen läßt. Den Mathematiker will Höppner als Politiker nicht verleugnen. „Die intelligente Lösung“, das ist sein Programm. Er ist überzeugt, die Chemieindustrie werde schließlich einsehen, daß gerade Rot-Grün die Chance zur Modernisierung und zur Bewältigung ihrer eigenen „Akzeptanzprobleme“ anbiete. Die intelligente Lösung, ja Patentlösung. Daß sein Kandidat für das Wirtschaftsministerium, Volkhard Uhlig, als Vertreter des Verbandes der Chemieindustrie ihm eine Absage erteilte, obwohl er dem Koalitionsvertrag zustimmte, kann er im Grunde nicht begreifen. Er rätselt nun über westdeutschen Druck und politische Unerfahrenheit.