Von Adam Krzeminski

Als Lech Walęsa beide, sowohl den deutschen als auch den russischen Präsidenten zum fünfzigsten Jahrestag des Warschauer Aufstandes einlud, hatte er eine symbolträchtige Inszenierung vor Augen. Der vormalige Arbeiterführer, sonst eher ein Mann für das Praktische, doch als Katholik nicht ohne Sinn für Riten, wollte mit dieser für viele Polen überraschenden Geste neue politische Akzente setzen, nach innen wie nach außen.

Was die "Exkommunisten" und Bauernpolitiker, von ihrem Wahlsieg im September 1993 immer noch eher eingeschüchtert als beflügelt, aus innenpolitischen Gründen nie gewagt hätten – der polnische Präsident hat es getan: Er konfrontierte die Polen mit ihrem geopolitischen Trauma der beiden großen Nachbarn. Und er bewies den richtigen Instinkt, denn obgleich sehr viele Polen bei diesem Gedenken an die polnische Tragödie im doppelten Widerstand gegen Hitler und Stalin lieber unter sich gewesen wären, hat doch eine knappe Mehrheit die Einladung an Roman Herzog und an Boris Jelzin befürwortet.

Was die Außenpolitik betrifft, so hat Lech Walęsa es verstanden, etwas mehr Aufmerksamkeit auf das im westlichen Geschichtsbewußtsein zuweilen recht verschüttete, doch in Wirklichkeit seit etwa 250 Jahren schwer belastete deutsch-polnische Verhältnis zu lenken. Anläßlich der zahlreichen Gedenk- und Nationalfeiertage – vom D-Day über den 14. Juli bis zu den Abschiedsparaden der westlichen Schutzmächte in Berlin – haben die "neokarolingischen" Europäer im Westen sich eifrig um Symbole ihrer Einigkeit bemüht und sich über das Erreichte gefreut. In dieser Lage wollte der polnische Präsident nicht nur auf die polnische Tragik des Verlassenseins hinweisen, sondern auch Polens Bereitschaft und Fähigkeit signalisieren, sich mit den beiden mächtigen Nachbarn zu versöhnen; außerdem wollte Walęsa ein Stück weit die Zukunft entwerfen. Bisher ist ihm das nur zur Hälfte gelungen, denn während Roman Herzog die Einladung annahm, schlug Boris Jelzin sie aus. Dies ist ein weiteres Zeichen dafür, daß die deutsch-polnischen Beziehungen derzeit weitaus weniger verkrampft sind als die russisch-polnischen.

Der Warschauer Aufstand wird im Westen oft verdrängt. Vermutlich geschieht dies aus schlechtem Gewissen wegen der Nachgiebigkeit gegenüber Stalins hegemonialen Ansprüchen in Ostmitteleuropa, und vielleicht wird er auch deshalb in den westlichen Medien vom Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 in den Schatten gestellt. Der Warschauer Aufstand war am 1. August 1944 ausgebrochen, weil die legale polnische Regierung die gegen Hitler vorrückenden Sowjets in einer von den Deutschen befreiten Hauptstadt Warschau als Herr im eigenen Haus begrüßen wollte; diese exilierte Regierung amtierte zwar in London, verfügte jedoch im seit 1939 von Deutschen und Sowjets ockupierten Polen über einen gut organisierten Untergrundstaat und eine ansehnliche Heimatarmee.

Allerdings hatte Stalin damals bereits einen anderen "Hausherrn" für Polen in der Tasche: eine kommunistische Regierung, die er eine Woche zuvor in Lublin auf sowjetisch besetztem Gebiet installiert hatte. Die "Londoner Polen" dagegen, die schon im Frühling 1944 geholfen hatten, die beiden früheren ostpolnischen "Hauptstädte" Wilna und Lemberg zu befreien, ließ er entweder in den Gulag schicken oder in die ihm gefügige polnische Armee einziehen, die an der Seite der Sowjets kämpfte.

Das zu befreiende Warschau sollte der Trumpf der Londoner Regierung bei den für Anfang August 1944 in Moskau angesetzten Gesprächen mit Stalin und den "Lublinern" über die künftige Regierungsform Polens sein. Obwohl der sowjetische Rundfunk noch kurz zuvor die Warschauer Bürger zum Kampf aufgerufen hatte, stoppte Stalin seine Truppen unmittelbar vor der Stadt und sah kaltblütig zu, wie die Deutschen in 63 Tagen den Aufstand niedermetzelten, und untersagte den Westalliierten, die aus Süditalien Nachschub für die kämpfenden Polen einflogen, Zwischenlandungen auf dem anderen Weichselufer. Und nach dem Aufstand schauten die Sowjets weitere drei Monate zu, wie die Deutschen die polnische Hauptstadt methodisch Haus für Haus sprengten, bevor sie dann im Januar 1945 das menschenleere Ruinenfeld "befreiten".