Die Ausführungen von Hans Harald Bräutigam entsprechen nicht durchgängig dem derzeitigen Wissensstand der Biologie und der Hirnforschung. So schreibt Bräutigam, die verlöschende „Hirnstromkurve“ sei „für die meisten Fachleute“ gleichbedeutend mit dem Ende des Lebens. Dazu ist folgendes zu sagen:

1. Das einzig eindeutige Kriterium für den Eintritt des biologischen Todes ist der Stillstand des zellulären Stoffwechsels. Dieser Stoffwechsel wird im menschlichen Körper durch die gemeinsame Tätigkeit der Organe aufrechterhalten, zu denen auch das Gehirn gehört (dabei geht es nur um lebenserhaltende, „vegetative“ Funktionen des Gehirns im Hirnstamm und nicht um geistige beziehungsweise kognitive Leistungen).

Der lebende Körper bildet eine funktionale Einheit; dabei ist das Gehirn gegenüber den anderen Organen keineswegs besonders „lebensmachend“. Seit man in der Lage ist, den Ausfall einzelner Organe durch Transplantation zu ersetzen oder technisch zu kompensieren, muß der Ausfall eines Organs nicht mehr zwangsläufig zum Tode führen. Dies gilt im Prinzip auch für das Gehirn. Auch hier können einige Funktionen des Hirnstamms technisch ersetzt werden. Der Hirntod kann nicht als absolutes Kriterium für das Ende menschlichen Lebens gelten.

2. Die „Hirnstromkurve“, also das EEG (Elektroenzephalogramm), registriert im wesentlichen nur elektrophysiologische Prozesse in der Hirnrinde (Cortex); subcorticale Prozesse, besonders die lebenserhaltenden Vorgänge im Hirnstamm, werden durch das EEG nicht erfaßt. Deshalb kann das „Null-Linien-EEG“ nicht als verläßliches Anzeichen für einen Gesamthirntod gelten. Es tritt häufiger auch bei Patienten auf, die „nur“ eine diffuse oder begrenzte Teilschädigung des Cortex aufweisen. Der Tod des gesamten Gehirns läßt sich nur mit aufwendigen bildgebenden Verfahren wie der NMR-Spektroskopie (Nuclear Magnetic Resonance, magnetische Kernresonanz) diagnostizieren, die in der Lage sind, auch die Aktivität des Hirnstamms zu messen. Werden solche Verfahren nicht eingesetzt, so ist zur Hirntoddiagnose der Ausfall bestimmter „vegetativer“ Reaktionen notwendig, die über den Hirnstamm gesteuert werden. Die von Bräutigam als „postmortale Zuckungen“ bezeichneten Verhaltensweisen von „Null-Linien-EEG“-Patienten sind zumindest Anzeichen der Aktivität des Rückenmarks beziehungsweise des Hirnstamms und können auch Anzeichen weiterer subcorticaler Gehirnaktivität sein.

3. Bräutigam nimmt die „verlöschende Hirnstromkurve“ als Indikator für den Gesamttod. Die Anbindung von Menschsein an die Funktionsfähigkeit der Großhirnrinde muß jedoch entschieden abgelehnt werden. Sie entspricht einem veralteten „cortico-zentrischen“ Weltbild, das die sogenannten höheren Hirnfunktionen allein im Cortex ansiedelt. Nach heutigen Forschungserkenntnissen entstehen bewußtes Erleben, Kommunikation und andere soziale Interaktionen nur durch die Interaktion zwischen Cortex und dem übrigen Gehirn. Man darf deshalb einen Menschen ohne corticale Aktivität nicht einfach für tot erklären oder sein Überleben als weniger lebenswert bezeichnen.

Gerhard Roth und Ursula Dicke,

Institut für Hirnforschung,

Universität Bremen