Von Mabfred Sack

Die Inszenatoren hätten sich nichts Besseres ausdenken können, um die Halbzeit der IBA, der Internationalen Bauausstellung Emscher Park, zu feiern, als diese Ausstellung mit Namen „Feuer und Flamme“ im größten Gasometer Europas, diesem einzigartigen, mit allen Überzeugungskünsten vor dem Abbruch bewahrten und nun gehegten, kilometerweit zu sehenden Industriedenkmal aus jener versunkenen Zeit, aus der herauszufinden die IBA doch aufgerufen ist.

Das offizielle Fest im Musiktheater von Gelsenkirchen, auf dem die artigen Reden mit der frechen Musik aus der Schwindler- und Spekulantenoper vom „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ geschmückt wurden, liegt längst hinter uns. Die Ausstellung, die all das, was dort gepriesen wurde, illustriert, ist ebendort noch lange zu besichtigen, im Maschinenhaus der ehemaligen Zeche Rheinelbe, wo sich auch die kleine Zentrale der IBA eingerichtet hat.

Nein, das viel spannendere Fest haben die IBA-Leute in dem Oberhausener Gasbehälter von 1928/29 arrangiert, dicht am Rhein-Herne-Kanal, an der Emscher und an der A42. Bis 1988 war darin das Gas aus der Kokerei gesammelt worden, um damit das Stahlwerk der Gutehoffnungshütte zu heizen. Jetzt ist der Gasometer zur aufregendsten Ausstellungshalle im ganzen Land geworden, darin 350 000 Kubikmeter Luft, soviel wie ein Mensch braucht, um 22 Jahre lang atmen zu können. Auf und unter der monumentalen, nun in etwa vier Metern Höhe befestigten Betonscheibe, die der Gasdruck einst an den öl- und teergetränkten, mit Leinwand gepolsterten Blechwänden auf- und niederschob, sind unter dem Titel „Feuer und Flamme“ zweihundert Jahre Ruhrgebiet in Bild und Wort und Ton dargestellt, auch in allerlei Gegenständen. Über den Häuptern: der hundert Meter hohe leere zylindrische Raum, durch den von oben herab das Licht magisch seine Bahnen sucht. Ein Panoramalift fährt bis aufs Dach, das einen weiten, weiten Blick eröffnet.

Die IBA ist freilich weniger eine Ausstellung als ein Erneuerungswerk, dessen Ende auch für 1999 nicht zu wünschen ist. Es soll mit bisher mehr als neunzig Projekten Beispiele hervorbringen, die den dringend erforderlichen „Strukturwandel“ des Ruhrgebietes auf Schwung bringen. Das Land Nordrhein-Westfalen und seine Landesentwicklungsanstalt tun das ihre an Geld hinzu, sie stehen den verschiedenen Unternehmungen mit einem Konvolut von 36 verschiedenen, verschränkt angewendeten Förderungshilfen bei. Anderthalb Milliarden Mark liegen auf diese Weise schon bereit, knapp eine Milliarde wird in den nächsten Jahren hinzukommen. Und „wenn das Geld knapp wird“, sagte Johannes Rau zum Halbzeitfest im April, „muß die Phantasie reicher und reichhaltiger werden.“

Gemacht aber wird die IBA vor allem von den siebzehn Städten, die zwischen Duisburg im Westen und Bergkamen im Osten, Recklinghausen im Norden und Bochum im Süden dafür gewonnen worden sind. Die kleine, kompakte IBA-Mannschaft, geleitet von dem in diesem Amte unübertrefflichen Karl Ganser, wirkt dabei vor allem lenkend und anstiftend, bisweilen auch diplomatisch bohrend mit, sie leitet in die Wege, koordiniert und moderiert, hat Ideen und achtet auf äußerste Qualität. Sie ist eine dem Land gehörende, jedoch ausdrücklich privatrechtlich organisierte Gesellschaft und deshalb zu temperamentvollen Handlungen fähig. Inzwischen, sagt der hannoversche Stadtbaurat Hanns Adrian, könne Berlin von der IBA Emscher Park – die von der IBA Berlin gelernt hat – viel Neues lernen.

Vieles ist immer noch erst geplant (siehe ZEIT Nr. 31,32/1990), etliches ist im Entstehen, weniges bisher vollendet. Verfolgt werden vor allem Themen, mit denen die Erneuerung des Gebietes, das sich siebzig Kilometer entlang der Emscher erstreckt und seine Chancen in seinen vielen Demolierungen hat, angeregt und beschleunigt werden kann: ein von Bergbau und Industrie zermürbter, dann von ihnen verlassener, ein vielfach entstellter, auf weite Strecken hin verdorbener, auch verbauter, von Kanälen, Deichen, Straßen, Schienen und Zäunen verbarrikadierter Landstrich, dessen Städte oft konturenlos ineinanderfließen.