Von Ludwig Siegele

François Kourilsky kann zufrieden sein: Als der Generaldirektor des Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) Mitte 1988 sein Amt übernahm, da hatte die Wissenschaftsorganisation gerade einen Generalangriff ihrer Gegner überlebt. Als der Biologe Kourilsky jetzt Mitte Juli von dem Physiker Guy Aubert abgelöst wurde, stellte er zu Recht fest: „Die übliche Debatte über die Auflösung des CNRS ist nicht mehr auf der Tagesordnung.“

Die größte Wissenschaftsorganisation Europas bleibt Frankreich also bis auf weiteres erhalten: kaum ein Forscher ohne CNRS-Erfahrung, kaum ein Labor ohne CNRS-Geld, kaum ein Gebiet ohne CNRS-Programm. Die vier Buchstaben sind allgegenwärtig jenseits des Rheins. Um Vergleichbares in Deutschland zu schaffen, müßte man etwa die Max-Planck-Gesellschaft, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Fraunhofer-Gesellschaft fusionieren.

Was die Zahlen angeht, kann es der CNRS denn auch mit einem kleineren Konzern aufnehmen: Etwa 3,35 Milliarden Mark ließ sich der französische Staat diese Organisation im vergangenen Jahr kosten. Rund 27 000 Mitarbeiter stehen auf ihrer Lohnliste, davon allein fast 12 000 Wissenschaftler, die in über 1300 Forschungseinrichtungen arbeiten. „Der CNRS“, erklärt Kourilsky, „ist der zentrale Akteur der französischen Grundlagenforschung.“

Diese Funktion sollte der 1939 gegründete CNRS auch von Anfang an haben. Aber erst in den sechziger Jahren wuchs die Organisation, unterstützt von Staatspräsident Charles de Gaulle, in diese Rolle hinein: Allein zwischen 1959 und 1964 verdreifachte sich das Budget und verdoppelte sich die Zahl der Forscher. „Der CNRS hat der französischen Forschung neues Leben eingehaucht“, lobte damals Louis de Broglie, einer der Pioniere der Spektroskopie.

Kein Wunder, daß sich die CNRS-Oberen seitdem regelmäßig über Nobelpreisträger freuen können. Ein Dutzend sind es mittlerweile: 1966 beispielsweise der Physiker Alfred Kastler für die Entdeckung des optischen Pumpens oder 1991 sein Kollege Pierre-Gilles de Gennes für seine Forschungen über Molekülzustände in flüssigen Kristallen. Dazwischen kamen der Biologe Jean Dausset, der Chemiker Jean-Marie Lehn oder der Ökonom Maurice Allais.

Kein Wunder aber auch, daß dem CNRS vor allem im Ausland seit langem das Image einer Organisation à la française nachhängt: Sie sei, so lauten die Vorwürfe, auf Paris konzentriert und von der Realität, also den Universitäten sowie der Wirtschaft, weitgehend abgeschnitten. In den achtziger Jahren kam selbst im Zentralstaat Frankreich Kritik auf: Eine Fraktion der Neogaullisten wollte den CNRS sogar aufspalten und die Einzelteile den Universitäten eingliedern.