BERLIN. – Schulleiter Friede scheint nervös. Aber so hat er es haben wollen: Die Namensgebung im Blickpunkt der Öffentlichkeit – mit Fernsehen und Presse, mit Politikern, Eltern und Gästen. Nicht, weil es die erste Schule in Deutschland ist, die nun „Erich Maria Remarque“ heißt. Auch nicht, weil sie fernab liegt – in Hellersdorf, dem östlichsten Zipfel Berlins.

Entscheidend war anderes. Die ehemalige 4. Gesamtschule stand schon einmal ganz groß in der Zeitung, am 10. Dezember 1991. „Messer im Ranzen“ hieß der Beitrag, der die Schule von einem Tag auf den anderen zur verrufensten Lehranstalt Berlins erklärte. Ein Hort der Gewalt: Bei einer Taschenkontrolle waren innerhalb von zehn Minuten nicht nur Messer gefunden worden, sondern auch Fahrradketten, Wurfsterne, Schmetterlinge, Schlagringe – insgesamt über fünfzig Waffen, die „wie Weihnachtsplätzchen“ in den Regalen der Schulleitung lagen.

Die einstige Polytechnische Oberschule, die in der DDR schon mit der ersten Klasse begann, war gerade zur Gesamtschule mutiert, als jene Reportage ihr Urteil sprach. Wie überall im Ostteil Berlins hatte der hektische Umbau in den Sommerferien stattgefunden: vierzig Jahre „sozialistisches Bildungssystem“ raus, das neue westliche rein. Wo bis zum Juni 1991 Kinder im Alter von sechs bis sechzehn Jahren gemeinsam lernten – jeweils zwei Klassen in einer Stufe –, da wurden von September an auf einen Schlag zehn siebente und zehn achte Klassen eingeschult. Was in den anderen neuen Bundesländern ein Jahr später und mit weit mehr Ruhe vollzogen wurde, sollte in der wiedervereinigten Hauptstadt schnell über die Bühne gehen.

Fast überall hatte der Umbau ohne die nötigen Lehrmittel und Bücher, dafür freilich mit den alten Akteuren stattgefunden, mit Lehrern, die sich selbst erst in das neue Bildungssystem hineinfinden mußten. Und es knirschte nicht nur in Hellersdorf an allen Ecken. Das war die Zeit, als aus dem Berliner Senat die Idee vom Austausch kam: Westlehrer an Ostschulen, Ostlehrer an Westschulen – freiwillig natürlich.

Im Grunde wurde das Ganze ein Flop, zumindest den Zahlen nach. Von über 30 000 Pädagogen wechselten damals nur gut 300 die Seiten. 112 von West nach Ost und 211 von Ost nach West. In die drei Ostberliner Neubaubezirke – Marzahn, Hohenschönhausen, Hellersdorf – wollte kaum jemand. Nach Hellersdorf ging ein einziger: Axel-Hermann Friede.

Der Umbau habe ihn gereizt, sagt der 42jährige rückblickend, der bis dahin an einer Kreuzberger Gesamtschule unterrichtet hatte. „Und auch dieses Ausland, so direkt vor der Tür.“ Er ließ sich delegieren – für ein, höchstens zwei Jahre. „Hast du ’nen Knall?“ fragten ihn die Kollegen.

Sein erster Eindruck damals schien den Schwarzsehern recht zu geben: „Gruselig.“ Diese endlose Aneinanderreihung der großen und kleineren Kästen, die grauen Betonflächen dazwischen, kaum Grün. Um zur Schule zu kommen, watete Axel-Hermann Friede durch Abfall. Aus den offenen Containern verteilte der Wind den Müll gleichmäßig über die weite Fläche und wehte ihn in jede Ecke. Auch den Schulgebäuden sah kein Mensch an, daß sie erst ein paar Jahre standen.