Schon am Morgen hören wir die Stimme des Direktors der Hamburger Kunsthalle aus dem Äther, sanft, aber bestimmt, und wenn nicht auf dem Nachbarsender gerade Gert Westphal den "Radetzkymarsch" läse, würden wir gern mehr hören. Obwohl alles klar und eindeutig ist und Uwe M. Schneedes Lockruf auch durch große Plakate, Kinowerbung und ein Rate-Gewinnspiel in einer Einkaufspassage unterstützt und multipliziert und im Museum selber durch ein extensives Angebot von Andenken bekrönt wird: "Meisterwerke aus dem Guggenheim Museum" sind in Hamburg, und alle Hamburger müssen kommen und alle anderen auch! Und alle tun es, sogar bei schönstem Sommerwetter.

Das Guggenheim, das New Yorker Museum der europäischen Kunst, verdankt sich dem Zusammentreffen eines kunstbegeisterten Millionärs mit der malenden, kunstversessenen Tochter eines preußischen Offiziers, die 1927 nach Amerika kam. Eigentlich wollte Hilla von Rebay Mr. Solomon R. Guggenheim nur portraitieren, aber dann verführte sie ihn und seine Frau zur "gegenstandslosen" Kunst, und gemeinsam bauten sie eine Sammlung auf, für die Frank Lloyd Wright ein eigenwilliges Haus entwarf, außen Topf, innen Spirale.

Das Guggenheim in Hamburg, hier für zwölf Wochen zu Gast mit sechzig Bildern, verdankt sich der Spende eines Mäzens, der bisher noch keiner war und sich, anders als man es sonst kennt, nicht mit Logos, Sprüchen und Selbstlob produziert, sondern erfolgreich versteckt: Die Hamburger Gaswerke, auch schlicht Hein Gas genannt, feiern in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag und haben der Kunsthalle, die halb so alt wird (erst das Licht, dann die Bilder!), das Ausstellungsgeschenk gemacht.

Billig ist es nicht, denn das Guggenheim muß, wie fast alle amerikanischen Museen, selber für sich sorgen, also Geld verdienen. Es hat Schulden, denen es, wie man im Katalogtext seines Direktors Thomas Krens lesen kann, auf seine Weise begegnen wird. Expansion, Rotation, Promotion heißen die Stichwörter. Und Hamburg, wo man in zwei von acht Museumsräumen Guggenheimiana einkaufen kann (unter anderem die gelbe Kuh von Franz Marcs gleichnamigem Bild als Stofftier für 75,– DM), hat auch eine kleine Kostprobe dieses dynamischen Umgangs mit der Kunst mitbekommen.

Ein Museum zu Gast in einem Museum, durch Friedrich, Runge und Menzel zu Kandinsky, Malewitsch, Chagall, Braque, Delaunay, Mondrian: Nicht zuletzt das ist der Reiz dieser Veranstaltung, das Rendezvous der Meisterwerke, die ungewohnte Konstellation, Begegnung der Eminenzen auf Zeit. Daß die Gegenstandslosigkeit der Baronin Rebay zwar immer noch das Fundament ist und den Ruhm des Hauses ausmacht, sich aber de facto auch bei Guggenheims längst vergegenständlicht hat, daß schließlich der Ausklang der Ausstellung nicht ganz so glorios ist wie der Anfang: Das fängt die gelbe Kuh glatt auf. (Kunsthalle bis zum 25. September; Katalog 49,– DM)

Petra Kipphoff