HAMBURG. – Ach, wie grausam können Wunsch und Wirklichkeit im Leben auseinanderklaffen. Nehmen wir die Elefanten. Die sind nämlich, versichert Karl Kock, der als „Elefantenmann“ des Tierparks Hagenbeck eine Hamburger Institution ist, „so verschmust, daß sie einem am liebsten auf den Schoß kämen“. Ein Herzenswunsch, der angesichts eines durchschnittlichen Gewichtes von fünf Tonnen nie in Erfüllung gehen wird – auch mit der besten Sommerdiät bleibt die Schoßtauglichkeit unerreichbar. Falls Elefanten sich mit Fragen der Wiedergeburt beschäftigen – da sie hochintelligent sind, ist das nicht abwegig –, so steht gewiß eine Hoffnung ganz obenan: als Katze wiederzukehren – wie wunderbar leicht wäre dann der beglückende Sprung auf den Schoß von Herrn Kock.

Einstweilen aber stehen die Dickhäuter auf ihren grauen Säulen noch fest im Hier und Heute. Und im Mittelpunkt eines Buches, in dem Karl Kock seine gesammelten Elefantenerinnerungen zum Besten gibt („Elefanten – mein Leben“, Verlag Rasch und Röhring). Es kommt gerade rechtzeitig. Denn der Kaiman Sammy, der uns eine Zeitlang in der Schwüle des jährlichen Sommerlochs ein wenig geistige Erfrischung zufächelte, indem er für mediengerechte Unterhaltung sorgte, dieser Sammy wurde für seinen Dienst am schwitzenden Volk ins Kölner Zooterrarium geschickt. Und auch seine Nachfolger Cäsar und Otto, zwei Seelöwen, die derzeit im Lago Maggiore etwas Abwechslung zum Arbeitsalltag im Zirkus suchen, werden wohl wieder eingefangen sein, wenn diese Zeilen erscheinen.

Also Elefanten. Zunächst klingt es gar nicht nett, was Karl Kock zu erzählen hat. Denn vor 43 Jahren, als sein Leben mit den Grauriesen dort seinen Lauf nahm, wo er nun sein Werk präsentiert – im Elefantenhaus bei Hagenbeck –, da ging es recht rüde zu: „Da ist die Karre. Da ist die Schaufel. Da ist die Scheiße“, das waren die einzigen Sätze, die der Lehrherr am ersten Arbeitstag dem fünfzehnjährigen Karl entgegenschleuderte. Aber bald zeigte sich, daß der junge Kock ein Händchen für die gewichtigen Rüsseltiere hatte – nicht nur für ihren Mist.

Und so kann Kock – unterstützt von seinem Ghostwriter Burghard Bartos – berichten, wie er mit Hagenbecks Zirkus als Elefantendresseur durch Europa pilgerte, wie er in Afrika und Asien das Leben der Tiere in ihren Ursprungsländern studierte. Und von jenem Ereignis vor gut zwei Jahren, das in dem hanseatischen „Elefantenmann“ ungeahnte mütterliche Gefühle aufwallen ließ: der Geburt der Elefantenbabys Ratna und Magnum, die nun als Lieblinge der Hamburger durchs Gehege tollen.

Doch trotz spannender Geschichten, trotz vieler Anekdoten in Kocks gesammelten Erinnerungen: Am unterhaltsamsten sind Hagenbecks Elefanten immer noch live. Etwa wenn sie mit Feuereifer ihren Beitrag zur Promotion für das Werk ihres Herrchens leisten. Mit würdigem Ernst schmettert da die Fünftonnenlady Mala zunächst eine Trompetenfanfare in den sonnigen Himmel, um dann den Gästen per Rüssel höchstpersönlich die ersten Exemplare zu überreichen – nicht ohne zunächst zu prüfen, ob die Bezeichnung Hardcover auch einem Test im Elefantenmaul standhält. Und später beglückwünscht Yashoda mit Sohnemann Magnum den frischgebackenen Autor auf Elefantenart: Ihr Rüssel schwebt in Kocks Nacken, kitzelt ihn am Hals, zupft an seinem Hemdkragen und schlingt sich dann um seinen Kopf. Und zum Schluß drückt sie eine eigene Widmung ins Buch: einen feuchten Rüsselknutscher.

Nur eines bleibt bei alledem unbegreiflich: Wer kam nur auf die deplacierte Idee, den guten Namen der Elefanten für die öden Politikerrunden an Wahlabenden zu mißbrauchen – wo doch die echten „Elefantenrunden“ so viel vergnüglicher sind. Vielleicht sollte man sie mal ranlassen, nach der Bundestagswahl. Es wäre ein schöner Ausklang des Superwahljahres. Julia Baumgart