Manchmal ist die Geschichte der Völker voll bitterer Ironie. Da führen zwei Wirte anno 1809 den Freiheitskampf der Tiroler gegen die bayerischen Besatzer an: Andreas Hofer, der "Sandwirt", und Peter Mayr, der "Wirt an der Mahr". Fügen den Bayern bei der Schlacht am Bergisel eine vernichtende Niederlage zu, fallen einem schnöden Verrat zum Opfer, spotten ihrer Feinde noch Sekunden vor der Exekution ("Ach, wie schießt Ihr schlecht!", O-Ton A. Hofer).

Und knapp 190 Jahre später? Haben die Bayern (und die anderen Piefkes) in ganz Tirol die Macht übernommen, parken ihre Limousinen vor ihren Zweitwohnsitzen und zwingen die Wirte dazu, ihnen Hefeweißbier zu verkaufen, Currywurst, Toast Hawaii und Pommes. Pommes!

"Gröstl contra Pizza!" rufen da alle aufrechten Tiroler, und die aufrechtesten unter ihnen, die Leute von der Tirol(er Tourismus-)Werbung, gründen eine Initiative zur Bewahrung der Tiroler Wirtshauskultur. Als greifbares Ergebnis dieser Initiative liegt jetzt der "Tiroler Wirtshausführer" vor: handlich, wohlfeil, bunt und informativ Das Tiroler Wirtshaus; eine Auswahl ausgezeichneter Betriebe 1994/95; Tirol Werbung, Innsbruck 1994; 144 S., 110,– öS.

Wo kann der Fremde (ob Piefke oder nicht) noch Wirga mit Grantn essen, Innsbrucker Knoblauchsuppe, Specknockn, Schlipfkrapfen als Hauptgericht und Nigilan zum Dessert? Wo kriegt er Vogelbeerschnaps und selbstgemachten Hollersaft? In welchem Wirtshaus gibt es noch einen intakten Stammtisch? Wo kümmert sich der Wirt noch persönlich um den Gast?

Immerhin 110 Betriebe im ganzen Land haben den strengen Kriterien der Wirtshausprüfer standgehalten: vom "Adler" in Hinterhornbach bis "Zur Linde" in Innsbruck. Der "Wirtshausführer" erzählt von ihren Traditionen und Besonderheiten, nennt Anschrift, Telephonnummer, Spezialitäten, doch leider keine Preisbeispiele.

Trotzdem: Stichprobenartige Nachtests zeigen, daß der "Tiroler Wirtshausführer" nicht nur ein origineller Reiseprospekt ist. Und vor dumpfer Tiroltümelei braucht sich der Fremde auch nicht zu fürchten. Denn weltoffen sind die Tiroler seit je. Im "Weißen Rößl" zu Innsbruck kann der Gast sogar auf japanisch bestellen.

Die Broschüre gibt es bei der Österreich Werbung, Mannheimer Straße 15, 60329 Frankfurt a.M., Tel. 069/24 24 25, oder der Tirol Werbung, Bozner Platz 6, A-6010 Innsbruck, Tel. 0043-512/532 00. Wolfgang Lechner