Von Martin Spiewak und Nico Fried

Schade war, daß Fräulein Meyer nicht dabeisein konnte. Dabei hatte man ihr besonders früh eine Einladung zum Klassentreffen geschickt. Und auch an den Kosten der Fahrt sollte es nicht scheitern. Aber dann schien ihr das ganze Unternehmen doch ein wenig beschwerlich. Das Fräulein Meyer ist schließlich über siebzig und die Reise von Dresden nach Hanoi keine Spazierfahrt. "Kha kann das verstehen."

Herr Kha spricht ein kurioses Deutsch. Es dauert immer ein wenig, bis er das richtige Wort gefunden hat, und wenn er etwas Wichtiges sagen will, dann fängt er meist so an: "Jetzt erzählt euch Kha einmal, wie es war" oder "Jetzt kommt eine Wahrheit von Kha". Und die Geschichte mit dem Fräulein Brunhilde Meyer, die alle nur "Bruni" nannten, ist ohne Frage wichtig. Zwar ist das alles fast schon vierzig Jahre her – die Zeit in der DDR, das Schullandheim bei Moritzburg, die Ausflüge nach Dresden. Aber Herrn Kha kommt es so vor, als sei es vorgestern gewesen.

Le Trung Kha ist "Moritzburger". So werden in Vietnam jene rund 350 Männer und Frauen genannt, die Mitte der fünfziger Jahre in Moritzburg eine Schulzeit nach deutscher Art genossen. Es waren Kaderkinder des gerade unabhängig gewordenen Nordvietnam Ho Chi Minhs. Ihre Eltern hatten sich das Privileg an der Front verdient, als Kämpfer gegen die französischen Kolonialherren im ersten Indochinakrieg.

Drei Jahre blieben die Kinder in der DDR, die meisten kamen später noch einmal zum Studium zurück. Doch selbst wenn einige das Land nie wiedersahen – ihre nostalgische Liebe zu Deutschland ist ungebrochen. Zum Beispiel die Klassentreffen. Einmal im Jahr kommen die "Moritzburger" zusammen, auf Einladung des deutschen Botschafters in Hanoi. Das letzte Mal im Dezember. Wer Zeit hatte, der kam – von Fräulein Bruni einmal abgesehen. Immerhin hatte sie an ihre ehemaligen Schüler gedacht und mit der Absage einen Hundertmarkschein geschickt. Sie sollten sich einen schönen Abend machen. Im Gegenzug setzte jeder "Moritzburger" seine Unterschrift und ein paar Worte auf ein großes Plakat, das man nach Dresden schickte.

Es sind seltsame Begegnungen mit der deutschen Vergangenheit: Da geht man durch die geschäftige Altstadt von Hanoi, beobachtet einen Steinmetz bei der Arbeit, und unvermittelt fragt jemand von hinten: "Wie heißt so etwas noch in Deutsch?" Und ehe man es sich versieht, sitzt man vor einer Tasse Tee und einer alten DDR-Karte von 1959, auf der Westdeutschland "Deutsche Republik" heißt, und der Besucher muß zeigen, wo er herkommt. Bei anderer Gelegenheit fragt ein Taxifahrer plötzlich in bestem Sächsisch, wer im nächsten Jahr wohl deutscher Fußballmeister wird. Und es kann passieren, daß der Übersetzer am Ende des Gesprächs, bevor er sich verabschiedet, noch schnell seine Leidenschaft für deutsche Schlager offenbart. Vicky Leandros hat es ihm besonders angetan. ",Dann kam (die Liebe’, hieß mein Lieblingslied. Kennen Sie das?"

Oder eben man sitzt beim Essen im Hause von Herrn Kha, auf der Kommode läuft ein Fernseher, auf dem Bord darüber ehrt die Familie ihre Ahnen mit Räucherstäbchen, frischem Obst und einer Buddhafigur. Gegenüber gluckert ein Aquarium. Und unter dem Tisch liegt ein alter stern, wie in Deutschland beim Friseur.