Von Monika Putschögl

Sie war arm, und und sie war alt, die Anna Anbacher, als ihr anno 1590 in München der Prozeß gemacht wurde. Unter Folter gestand sie, eine Hexe zu sein, schuldig der Buhlschaft mit dem Teufel. Sie berichtete, sein Glied sei kalt und hölzern gewesen, der Verkehr mit ihm unangenehm. Weil sie aber bereits über siebzig Jahre alt war, mußte Anna Anbacher auch gestehen, daß es mehr als dreißig Jahre her sei, daß sie es mit dem Teufel getrieben hatte. Auf Grund ihres Alters ließ das Gericht Gnade walten: Anna Anbacher wurde erdrosselt und somit tot und nicht qualvoll bei lebendigem Leibe verbrannt.

Ein strahlend blauer Himmel wölbt sich über München. Heiß wie in der Hölle ist es an diesem Sonntag nachmittag. Trotzdem haben sich fünfzehn Leute in der Innenstadt zusammengefunden, um mitzumachen bei einer Führung, die mehr als zwei Stunden lang die Weltstadt mit Herz von einer anderen Seite zeigt – auf den Spuren von Frauen, von Hexen. Mittlerweile in rund dreißig Orten werden Routen zur Frauengeschichte angeboten, die keine gängigen Spaziergänge sind.

"Dös hamma net g’wußt", wundern sich selbst alteingesessene Münchner, die für zehn Mark mit Stattreisen in der Vergangenheit stöbern: daß die Michaelskirche, vor der wir uns getroffen haben, jenes Stein gewordene Manifest der Gegenreformation, auch einmal einen Turm hatte. Der aber stürzte schon bei den Bauarbeiten während eines Gewitters ein. Damals glaubte man, "daß solch ungewöhnliche Gewitter von den vermaledeiten bösen Weibern gemacht werden".

Neu war den meisten von uns auch, daß die meisten Hexenprozesse in Bayern nicht im finsteren Mittelalter, sondern erst in der Neuzeit, in der Epoche des Humanismus, der Renaissance, geführt wurden. Daß Martin Luther, der Reformator, von den Hexen geschrieben hatte als von den "bösen Teufelshuren, die da Milch stehlen, Wetter machen, auf Böcken und Besen reiten". Und daß Anna Anbacher dort wohnte, wo heute die prächtige Theatinerkirche ihre Schatten wirft. Die Witwe eines Mehlhändlers, ihre ledige Tochter sowie zwei weitere Frauen wurden im Jahre 1590 beim ersten großen Hexenprozeß verurteilt.

Es waren schlechte Zeiten damals. Immer wieder vernichteten Unwetter die Ernte und führten zu Hungersnöten. Seuchen wie Pest und Cholera konnten sich ausbreiten. Der Marienplatz, Zentrum der Stadt, hieß damals noch Schrannenplatz. Hier wurde mit dem Getreide gehandelt, dessen Preis in Katastrophenjahren in unbezahlbare Höhe stieg. In der Mitte steht eines der Wahrzeichen Münchens, die Säule mit der Patrona Bavariae, der Muttergottes, der Beschützerin des Landes Bayern. Aber wer hat sich schon einmal so genau mit den allegorische Figuren befaßt über die sich Maria erhebt? Sie symbolisieren die Grundübel der Epoche, erklärt unsere Führerin: Die Schlange verkörpert die Ungläubigen, der Basilisk die Pest, der Drache den Hunger, der Löwe den Krieg. Angst herrschte im Land. Und zu Zeiten der Unsicherheit konnte allerlei Aberglaube blühen, wurden Schuldige gesucht – die Hexen.

Wir schlendern vom Marienplatz hinüber zur Theatinerkirche und weiter zur Residenz. Innerhalb kurzer Zeit ist unsere Gruppe, darunter auch zwei Männer, zu einer eingeschworenen Gemeinschaft von Hexenspezialisten geworden. Waren nicht die Hebammen besonders gefährdet, räsoniert eine resolute Münchnerin. Sie waren es, bestätigt unsere Führerin, weil sie über medizinisches Wissen verfügten, weil sie die Kräuter kannten, mit denen manches zu verhindern war. Die Hebammen hatten eine wichtige soziale Funktion, weil sie sich um die Wöchnerinnen kümmerten, zusammen mit anderen Frauen den Haushalt organisierten.