Von Ulrich Schnabel

In der Nacht, als das erste Fragment von Komet Shoemaker-Levy 9 auf den Jupiter stürzte, da sah es schon so aus, als sollte das Himmelsspektakel zur Pleite werden. Zur vorausberechneten Einschlagszeit hielten Fernsehteams gebannt ihre Kameras auf die Leinwand im Hauptquartier der Europäischen Südsternwarte in Garching, Radioreporter reckten ihre Mikrophone, und Pressejournalisten hielten die Kugelschreiber bereit. Ab und zu zerriß ein Lichtblitz die Dunkelheit, wenn ein Photograph vor lauter Nervosität abdrückte. Ansonsten war kurz nach 22 Uhr lediglich ein Bildausfall zu verzeichnen.

Seither allerdings reißt die Kette der spektakulären Überraschungen nicht ab. Das kosmische Feuerwerk übertrifft selbst die gewagtesten Voraussagen und nährt die geheime Lust an der Katastrophe. "Geht so die Welt unter?" theatralisierte etwa die Bild- Zeitung mit sicherem Gespür für astronomische Übertreibungen. Besorgte Anrufer erkundigen sich bei der Garchinger ESO bereits, ob die Geschehnisse auf Jupiter ihr Sexualleben beeinflussen könnten oder ob möglicherweise die Prophetin Sonja Richmond alias "Sister Gabriel" doch recht behält, die in dem Jupiter-Crash einen Fingerzeig Gottes sieht.

Den Astronomen selbst bereitet der Knall im All erst einmal höchst irdische Probleme: "Das ist nicht nur überwältigend, das ist sogar gefährlich für unsere Computer", stöhnt etwa in Garching Rudolf Albrecht, der den Draht zur Zentrale des Hubble-Space-Teleskops im amerikanischen Baltimore aufrechtzuerhalten sucht. Die akademischen Datenleitungen im elektronischen "Internet" sind hoffnungslos überlastet. Und als in Garching ein Bild plötzlich 250mal zur selben Zeit abgerufen werden soll, gibt der Übermittlungscomputer, der maximal für fünfzig gleichzeitige Anfragen ausgelegt ist, vorübergehend den Geist auf. Pressereferenten kopieren verzweifelt gegen das weltweite Informationsbedürfnis an, und Journalisten hadern mit den (nicht vorhandenen) Telephon- und Faxanschlüssen.

Schließlich ist es einfach sensationell, was sich da 770 Millionen Kilometer entfernt von der Erde auf dem elfmal größeren Planeten Jupiter abspielt. Nicht nur, daß nahezu jeder Einschlag der 21 Kometentrümmer für irdische Teleskope sichtbar ist (was vorher nur Optimisten hofften). Die riesigen Explosionen, die auf der erdabgewandten Seite des schnell rotierenden Planeten stattfinden, bleiben auch noch tagelang sichtbar. Das hatte keines der früher aufgestellten wissenschaftlichen Szenarien (siehe ZEIT Nr. 22) erwarten lassen . Heiße Gaswolken, teilweise größer als unsere eigene Erdkugel, steigen auf Jupiter offenbar Hunderte von Kilometern hoch. Im optischen Bereich, also im sichtbaren Wellenlängen-"Fenster", sind diese zwar nicht auszumachen. Doch Infrarotteleskope auf der ganzen Welt enthüllen die ganze Pracht dieses Schauspiels, das noch niemals zuvor ein Astronomenauge zu Gesicht bekam. Und die Weitwinkelkamera des im All fliegenden Hubble-Teleskops zeigt sogar, welche Spuren das kosmische Bombardement hinterläßt: Schwarzen Kratern gleich, gähnen im sichtbaren Spektrum die Einschlagsstellen auf der Südhalbkugel des Jupiters. Und da sich der größte Planet des Sonnensystems in 9,8 Stunden einmal um sich selbst dreht, reißen die herabdonnernden Shoemaker-Levy-Brocken immer neue Einschlagskrater auf, die sich nach und nach zu einer Art Gürtel formieren.

Bildet sich möglicherweise ein neuer Ring um den gasförmigen Riesenplaneten? Das ist nur eine der vielen Fragen, die das Naturspektakel aufwirft. Weshalb bewirken beispielsweise die Einschläge mancher kleinerer Kometentrümmer relativ große Effekte, während andere, größere Bruchstücke in der Jupiter-Hülle kaum Spuren hinterlassen? Und aus welchen Elementen bestehen die aufsteigenden Gaswolken?

Auf die meisten dieser Fragen wissen die Astronomen nur vage oder noch gar keine Antwort. Und Richard West, der im ESO-Hauptquartier jeden Tag geduldig den Journalisten gegenübertritt, verweist immer wieder entschuldigend auf die Dramatik der Ereignisse, wenn die in der Nacht gedruckten Pressemeldungen morgens schon wieder veraltet sind und neue, aufregendere Nachrichten in der elektronischen Mail-box warten. Denn in dem Garchinger Institut laufen die Leitungen eines weltweiten Beobachternetzes zusammen. Das Kometenspektakel ist nie von allen Standorten aus gleich gut zu sehen. Je nach der Erdrotation hat man mal in Chile, mal in Australien den besten Blick. Als das siebte Bruchstück, "Fragment G", in Jupiters Gashülle krachte, machte zum Beispiel als erstes der Südpol Meldung. Dort halten zwei Astronomen mit einem bescheidenen 60-Zentimeter-Teleskop die Stellung. Den Einschlag von Trümmerteil "D" hatte man am Südpol allerdings verpaßt, weil gerade ein Schneesturm tobte und die Linse zugeschneit war.