Arte, Samstag, 23. Juli, 20.30 Uhr: "Die Verwandlung der Welt in Musik"

Der Titel täuscht. Hier gibt es keine Zaubertricks zu sehen und keine romantischen Metamorphosen. Nichts wandelt sich, schon gar nicht Welt in Musik. Es handelt sich nur um einen gut gemachten Dokumentarfilm zum Thema "Werkstatt Bayreuth".

So sachlich, so entnazi- und entmystifizierend werden die Bayreuther Festspiele, die nächste Woche beginnen, schon seit etwa einem halben Menschenalter gerne genannt, seit 1966 nämlich, als Wolfgang Wagner die Leitung des Unternehmens übernahm. Er war es auch, der erstmals Gastregisseure auf den Hügel holte und darunter in den letzten Jahren immer öfter solche, die möglicherweise einiges vom Lauf der Welt, von Musik aber nicht viel verstanden. Einer von ihnen war Werner Herzog, der anschließend den kompletten Festspiel-Probenlauf einer Saison mit der Kamera verfolgen durfte. Herausgekommen ist dabei ein Bayreuth-Werbefilm, der manche bizarren Reize birgt, und sowohl rührende wie erheiternde Wirkung zeitigt.

Da fragt zum Beispiel Musikdilettant Herzog (Regie "Lohengrin", 1987) den Musikdilettanten Yohji Yamamoto (Kostüme "Tristan", 1993), wie er denn so die Musik Richard Wagners finde. Oh, antwortet der, für mich klingt Wagner wie Rock ’n’ Roll: "It comes to my stomach, I like it." Anschließend fragt Herzog den Heiner Müller (Regie "Tristan", 1993). Der kratzt sich erst stumm den Schädel und sagt dann, wie erwartet, abermals sein Sprüchlein auf: jenes längst legendäre Montinari-Müller-Brecht-Stalin-Hitler-Nietzsche-Wagner-Bonmot, welches er für seinen ersten Bayreuth-Auftritt auswendig gelernt und bereits an die hundertmal fehlerfrei öffentlich zitiert hat.

Doch der Film zeigt nicht nur Neowagnerianer unter sich, auf einsamer Nebelhöhe; oft genug pirscht sich Herzog auch unter erschwerten Bedingungen mit der Handkamera an das Bayreuther Bodenpersonal heran. Er besucht sogar, bei laufender Vorstellung, den betagten Herrn Junold in der Kulisse, Freiwilliger Feuerwehrhauptmann seines Zeichens und in Festspieldiensten von Jugend auf. "Sie können bestimmt alles mitsingen hier, ja?" Klar, kann er. Und räuspert und ziert sich und brummbärt zum Beweis zart ein paar Takte des großen Lohengrin-Monologs mit.

Das geht ans Herz. Der zärtliche Tonfall, das heimliche Flüstern und fromme Raunen sind überhaupt das Auffallendste an dieser Dokumentation. Es webt und wispert auch noch in den Kommentaren weiter, sogar in den zügigen Bildwechseln mit den weichen Blenden, die nicht exakt synchron geführt sind, vielmehr mit leichter Verzögerung des Tones gegenüber dem Bilde; dergestalt, daß echoartig immer ein Bild akustisch ins nächste wabert, wodurch der ganze Film einen heiligen Hall bekommt, so, als wär’s ein großer hoher Dom. Das paßt zu Bayreuth.

In der langen Eröffnungssequenz steigt Herzog gar mit der Taschenlampe in die dunkle Krypta des Mythos hinab, ins Allerheiligste quasi, führt die Reliquien vor, die Gebeine und Devotionalien. Der kindliche Spieltrieb, mit dem sich Filmprofi Herzog immer wieder seinem Hobby Oper nähert, hat oft rührende, öfters kitschige Züge. Diesmal ist es einfach schön. I like it. Eleonore Büning