Wenn Frauen zu hoch singen, dann muß mit ihnen etwas nicht in Ordnung sein. Dann geraten sie aus den Fugen, körperlich oder seelisch, wie uns die Erfahrung lehrt: Der männliche Opernstar kriegt mit den Jahren vielleicht einen Bauch, der weibliche aber auf jeden Fall eine Neurose, wofür die Callas das klassische und Kathleen Battle das jüngste Beispiel abgibt.

Die italienische Rock-Diva Gianna Nannini jedenfalls, selbst eher zu laut als zu hoch, will in ihrer Doktorarbeit beweisen, wie diese chronische Störung im "Stimmkörper Frau" zustande kommt: Gesellschaftliche Unterdrückung, so Nannini, erhöhe die Stimmlage – eine repressive Erziehung, ein gestrenges Elternhaus etwa, könne großartige Sängerinnen hervorbringen.

Als sie das hört, muß Jennifer Larmore lachen.

Sie lacht und lacht. Sie kann und will gar nicht mehr damit aufhören. Ihr Lachen klingt wie ein voller Akkord, melodisch wie Glockenläuten, es kommt tief unten aus der Kehle. Wahrhaftig, sie hat ja auch gut lachen. Schließlich ist sie der wandelnde Gegenbeweis zur Nannini-These, die große Ausnahme von allen bekannten Regeln, die dem Klischee nach das Leben einer Opernsängerin bestimmen.

Larmore hat eine herrliche starke Stimme, ein unverwechselbares Timbre, einen unendlich langen Atem und ein bemerkenswertes Legato in allen Lagen. Sie hat damit Aufsehen erregt an einigen wichtigen europäischen Opernbühnen – in London und Paris, in Genf, Turin, Mailand und Salzburg. Kürzlich trat sie erstmals in New York in Erscheinung mit einem vielbeachteten Liederabend, demnächst wird sie dort den Richard-Tucker-Preis erhalten und in der kommenden Saison endlich auch an der Met debütieren.

Ihr Stern ist soeben glänzend aufgegangen, sie feiert, wo immer sie auftritt, Erfolge. Und doch hat sie nicht einmal den Schatten einer Neurose. Sie sei, sagt man ihr nach, nie launisch, niemals indisponiert und immer lieb und freundlich zu aller Welt, zu den Kollegen, Konkurrentinnen, Portiers und sogar zur Presse.