Von Joachim Fritz-Vannahme

Jeder Mensch muß sterben. Wann aber ist er tot? Die Würde des Menschen ist unantastbar, sagt das Grundgesetz. Aber gilt dieses Prinzip uneingeschränkt auch für den Toten, seinen Leichnam? Einen Totenkult wie die alten Kulturen kennt unsere Gesellschaft nicht mehr, selbst die Sakramente wurden zur Ausnahme. Wie Sigmund Freud einmal bemerkte, glauben wir nicht an unseren Tod – und meiden darum das Thema, dieses Tabu.

Nun zwingt dieser Tage das erste Transplantationsgesetz im geeinten Deutschland dazu, mit der zur Kultur gewordenen Scheu zu brechen und sich öffentlich über letzte Dinge Rechenschaft zu geben. Der Landtag von Rheinland-Pfalz hat das Regelwerk Ende Juni verabschiedet, Ministerpräsident Rudolf Scharping unterschrieb nach kurzem Zögern. Erst als Kritik von allen Seiten über ihn hereinbrach, schob er die Verkündung um zwei Monate auf. Aufgeschoben sollte hier unbedingt aufgehoben bedeuten: Einem möglichen Volksbegehren ist Erfolg zu wünschen, denn diese zwölf Paragraphen gehen zu weit.

Zugegeben, ein Gesetz wäre überfällig – und zwar für ganz Deutschland. Anders als in der vormaligen DDR, anders aber auch als bei den meisten westlichen Nachbarn, wurden hierzulande Herz und Niere, Leber oder Lunge bisher ohne gesetzliche Grundlage entnommen und verpflanzt. Der Öffentlichkeit war dies wenig bewußt, zumal die Ärzte in aller Regel beim Organspender oder, wenn dieser unheilbar bewußtlos dem Tod entgegendämmerte, bei dessen Angehörigen um Zustimmung für eine Entnahme warben.

Diese Praxis reichte den Mainzern nicht mehr aus. Anstatt auf die Zustimmung des Betroffenen zu setzen, bestimmt dieser Gesetzgeber: "Ist ein Widerspruch des Verstorbenen gegen eine Entnahme nicht feststellbar, darf sie erfolgen." Wer also zu Lebzeiten einer Entnahme nicht widerspricht, der stimmt im Sterben stillschweigend zu. Es sei denn, seine Angehörigen sprechen für ihn, wobei sie vielleicht weniger den Willen des Toten kundtun als ihren eigenen.

In einem offenen Brief an den empörten Mainzer Bischof Karl Lehmann verteidigte Rudolf Scharping die "lebensrettende Notwendigkeit" des Gesetzes. Es soll die Diskrepanz zwischen der geringen Zahl von Organspendern und der wachsenden Not von Empfängern verringern. Gegen diese gute Absicht gibt es indes pragmatische Einwände und ethischen Einspruch. Vergangenes Jahr warteten auf den Listen der Stiftung Eurotransplant bereits 13 731 Patienten auf die rettende Zusage. Davon waren 9542 Deutsche. Doch nirgendwo ist die Bereitschaft zur Spende so gering wie bei uns.

Daran vermochte auch die gemeinsame Erklärung der Kirchen 1990 nichts zu ändern, die Gabe zum Zeichen der Nächstenliebe adelte. Einen Grund für den Mangel an Spendern sieht die Deutsche Stiftung Organtransplantation in eben der Zustimmungspflicht, mit der der Mainzer Gesetzgeber bricht. Doch zugleich liegt hier der pragmatische Einwand gegen Scharpings Sonderweg durch die Tabuzone Tod: Wenn die Bereitschaft zur Nächstenliebe trotz der "sanften", werbenden Zustimmungslösung schwindet, um wieviel geringer wird sie dann durch eine Vorschrift, die barsch aus der fehlenden Willensäußerung ein. Mittel der Organbeschaffung macht?