Weshalb brauchen Schweizer eigentlich Urlaub? Wer in einem Ferienland lebt – sollte der nicht im Vorgarten, auf dem Balkon glücklich sein? Doch die Eidgenossen haben es sich in den Kopf gesetzt, ans Meer zu fahren. Unterwegs kommen ihnen immer mehr Autos entgegen mit den Glückskürzeln für Urlaubs-Landschaften: NF (Nordfriesland. Sylt!) oder HL (Hansestadt Lübeck. Ostsee!). Da schüttelt der Schwyzer den Kopf. Können denn die Norddeutschen nicht in ihren Strandburgen bleiben?

Wenn das nur die einzigen Fragen wären bei der Fahrt in die Ferien. Schon quengelt es von der Rückbank: Wieso heißen hier alle Orte so komisch: Uetikon, Pfäffikon, Uerlikon? Ja, wenn man das jetzt wüßte. Auf der Gegenfahrbahn ist die Stimmung nicht besser: Wieso klingen hier alle Ortsnamen so doof: Wolfenbüttel, Bienenbüttel, Hummelsbüttel? Ja, Teufelsmoor (D-27711) noch mal, schimpft der Erziehungsberechtigte am Lenkrad, woher soll ich denn das wissen?

Jetzt kann er’s lernen – aus einem Buch, das in jedes Handschuhfach paßt, in jeden Fahrrad-Sack gehört. Vademecum und Seelentrost für die ganze Familie/Fahrgemeinschaft. Ein Lehr- als Spielbuch. Ein Frage-und-Antwort-Katalog der vergnüglichsten Art. Aufklärung als Lernspaß. Wo man das Duden-Taschenbuch "Geographische Namen in Deutschland – Herkunft und Bedeutung der Namen von Ländern, Städten, Bergen und Gewässern" aufschlägt, greift man sich an den Kopf – wegen der Blindheit, mit der wir durch die Gegend rasen, wegen eigener Unkenntnis. Mit diesem Taschenbuch im Reisegepäck wird jeder Stau zum willkommenen Anlaß für ein Kürzest-Studium in Geographie und Landeskunde, Sprachwissenschaft und Etymologie (herausgegeben von Dieter Berger, Dudenverlag, Mannheim; 296 Seiten, historische Stadtansichten, 16,80 DM).

Was die seltsame Silbe -kon am Ende vieler Ortsnamen in der Schweiz bedeutet? Eine Zusammenziehung aus der Bezeichnung für mehrere Höfe, -inchofen, also eine kleine Gemeinde. Pfäffikon hieß vor mehr als tausend Jahren noch Faffinchova. Im Auto von den Bergen ans Meer ist auch noch keine Ruhe? Also: -büttel, in dem ein altes Wort -butle oder -gibutli steckt, meint ein Gebäude, einen Hof. Wulferes buthele bezeichnete einen Einzelhof als Anwesen des Wolfher.

Das Lexikon als Zauberbuch: schafft Ruhe auf der Reise. Können die Kinder erst einmal Ortsschilder entziffern, sollen sie sich selber weiterbilden. Seht doch den schönen Buchenwald, schwärmt die Mutter bei der Fahrt durch das helle Grün zwischen Stuttgart und Tübingen. Deshalb heißt es auch Schönbuch. Stimmt ja gar nicht, frohlockt es aus dem Fond. Die Silbe Schön- hat nichts mit "schön" zu tun, sondern kommt vom lateinischen Wort für Schauplatz (scena) und meint eine von Wald umgebene, lichte Siedlung wie Schenna bei Meran, oder es geht zurück auf einen alten Gewässernamen, die Schaich, und daher Schaienbuoch, später mißverstanden als Schönbuch.

Den Fahrern in der anderen Richtung geht es nicht besser. Im pfälzischen Schifferstadt erinnert sich der Vater seines Bildungsauftrags und erzählt etwas von alten Fährleuten und Flößern über den Rehbach. Falsch! – kräht es von der Lesebank. Nichts da von Schiff. In der Silbe steckt ein alter deutscher Personen-Name, Skifher, in der Kurzform Skiffo. Und das nach volksetymologischer Fehldeutung geschaffene Ortssiegel mit dem Schiff gibt es erst seit 1600.

So geht es mit der Aufklärung. Wer andere lehren will, wird selber belehrt. Sicherheit bei der Deutung jahrhundertealter Namen ist auch unter Wissenschaftlern schwierig zu finden. Hatten wir nicht aus dem gewichtigen Buch, das uns bisher begleitet hat ("Unsere Ortsnamen im ABC erklärt nach Herkunft und Bedeutung" von Wilhelm Sturmfels und Heinz Bischof, Dümmlers Verlag, Bonn), gelernt, Potsdam führe seinen Namen auf slawische Wurzeln zurück, Poztupimi, nach der Formel pod dubimi = unter den Eichen? Das neue Fahrtenbuch erklärt po als slawische Präposition "bei" zu dem altsächsischen Wort stamp = Stoßgerät. Potsdam wäre dann der "Ort bei der Stampfe"? Dies ist das Schöne an wissenschaftlichen Nachschlage-, nein: Lese-Büchern für Laien, sie lehren das Fragen.