Der Artikel von Hans Harald Bräutigam suggeriert zu Unrecht, daß die Kritik am „Hirntod“-Kriterium notwendigerweise darauf abziele, die Organtransplantation zu demontieren. Dagegen verwahren wir uns in aller Schärfe. Außerdem: Wer gute Gründe dafür benennen kann, daß die derzeitige Legitimation der Organtransplantation ethisch nicht tragfähig ist, darf nicht für die Nachteile verantwortlich gemacht werden, die ein eventueller Rückgang der Orgapspendebereitschaft für die Nutznießer der Transplantation bedeuten könnte. Bräutigams Argumentation kommt einem Maulkorberlaß gegen jeden gleich, der die Verantwortbarkeit einer medizinisch-technisch machbaren Behandlung hinterfragen wollte.

Derzeit wird im Vertrauen auf die vermeintlich „wissenschaftlich gesicherte“ Erkenntnis, daß irreversibel komatöse Patienten Leichen sind, die Zustimmung zur Organentnahme gegeben. Wir fordern kein Verbot der Transplantation, sondern schlagen vor, die Praxis der Organübertragung auf eine politisch verantwortbare und transparente Grundlage zu stellen. Das kann nur ein Transplantationsgesetz mit enger Zustimmungslösung leisten: Grundlage dazu muß eine klar definierte Ausnahme vom Tötungsverbot bei Patienten mit totalem, irreversiblem Hirnfunktionsausfall sein. Nur so bleibt der Konflikt zwischen den Rechten des Hirntoten und der Notlage des Organempfängers sichtbar und damit der moralischen Abwägung des einzelnen zugänglich. Bräutigams Artikel dagegen verteidigt die bisherige Hirntod-Konvention nicht etwa von der Sache her, sondern mit der Begründung, sie sei die einzige Handhabe, die Bereitschaft zur Organspende aufrechtzuerhalten. Die Möglichkeit der Explantation für den Fall, daß Angehörige bloß nicht widersprochen (statt ausdrücklich zugestimmt) haben, ist in Deutschland übrigens nicht, wie in dem Artikel dargestellt, Status quo, sondern die zentrale, durch das am 8. Juli in den Bundesrat eingebrachte Transplantationsgesetz angestrebte Änderung der gegenwärtigen geltenden Praxis: erweiterte Widerspruchslösung statt der geltenden erweiterter Zustimmungslösung.

Jürgen in der Schmitten hat Transplanteure nicht als „Vivisektionisten“ bezeichnet, sondern begründet, warum die Entnahme von Organer. beim Sterbenden de facto als „Vivisektion“ anzusehen ist. Wenn der Vorwurf der Vivisektion sachlich berechtigt ist, muß unvoreingenommen über einen Ausgleich zwischen dem Schutz der Unverletzlichkeit des Sterbenden und den Überlebensinteressen des potentiellen Organempfängers diskutiert werden. Auf Seiten der Kritiker des „Hirntods“ finden sich im übrigen nicht „nur“ Philosophen und Ethiker, sondern auch Naturwissenschaftler. Das wird von denen unterschlagen, die die wissenschaftliche Diskussion um das „Hirntod“-Kriterium in ein Ghetto theologischer Außenseiter abdrängen wollen.

Das „Lazarus-Syndrom“, das auch im Artikel zitiert wird, bezeichnet keine Zuckungen, sondern komplexe Bewegungen wie das Heben oder Senken der Arme, Laufbewegungen der Beine beim irreversibel komatösen, „hirntoten“ Patienten. Diese reflexgesteuerten Bewegungen haben nicht etwa in peripheren, intakten Nervensträngen ihren Ursprung, sondern im Rückenmark, das wie das Gehirn Teil des Zentralnervensystems ist. Weist man nach, daß die dem „hirntoten“ Organismus verbleibenden, integrativen Funktionen außerhalb des Gehirns – hier also im Rückenmark – ihren Ursprung haben, so hat man zwar die Richtigkeit der Diagnose „Hirntod“ bestätigt. Wir hinterfragen aber ausschließlich die Rechtmäßigkeit der Deutung dieser Diagnose als Tod des Menschen. Das Lazarus-Syndrom gibt in unserer Sicht ebenso wie der im Artikel erwähnte Blutdruckanstieg bei Hirntoten zu erkennen, daß diese Deutung irrig ist.

Bräutigams Vergleich mit dem Scheintod ist zwar suggestiv, verfehlt aber das Thema. Wenn ein Scheintoter als tot erfahren wird, dann ist damit zwar eine notwendige, nicht aber eine hinreichende Bedingung erfüllt, ihn für tot zu erklären.

Die medizinische Diagnostik ist dann erforderlich, um den Sinneseindruck zu bestätigen. Bleibt dagegen ein „Hirntoter“ als lebendig erfahrbar, so muß begründet werden, warum für die Für-tot-Erklärung künftig schon eine bloße Organdiagnose genügen soll.

Beim Erlanger Fall wurde nicht, wie Bräutigam schreibt, „die Gebärmutter einer jungen, hirntoten Frau als Brutkasten für eine Schwangerschaft verwendet“. Verwendet wurde die junge Frau selbst. Denn die Gebärmutter kann ihre Leistungen, angefangen von der Reifung bis zum spontanen Ausstoßen des Fetus, nur im interaktiven Verein mit dem gesamten Organismus erbringen.