Im Herbst nicht mehr Bundeskanzler Kohl? Felix ist entsetzt. „Etwas anderes als Bundeskanzler Kohl kann ich mir gar nicht merken.“ Er ist sieben Jahre alt, 1987 geboren. Da war der andere schon fünf Jahre im Amt. Ich bin etwas älter, habe Adenauer erlebt und Erhard und Kiesinger und Brandt und Schmidt. Es war immer eine schöne Zeit. Als Adenauer Kanzler war, habe ich Marion kennengelernt. Mit Willy Brandt kam Barbara. Bei Helmut Kohl war es Beate. War schön. Zu Kohls Zeiten habe ich drei Bücher geschrieben, mit denen ich zufrieden bin. Als Felix geboren wurde, haben die hier sogar zum erstenmal was von mir in der ZEIT gedruckt. War ich stolz. Also was soll ich mich über Bitburg ärgern, die Geschichte mit Steffen Heitmann, die Vertreibung von Menschen, die Asyl suchen? Die ganz großen Fehler hat er bei der Vereinigung gemacht. Seine Leistung. Treuhandgesetz, Vermögensgesetz, Umtauschkurs und die Verheißung, hier würde es nichts kosten und dort nur Milch und Honig fließen. Ja nun also. Adenauer wollte sogar sein eigener Heitmann werden, was noch peinlicher war. Und die Spiegel- Affäre war auch nicht von schlechten Eltern.

Erhard war der mit den „Pinschern“. Kohl hat jetzt gerade in einem Interview mit dem Figaro sein Verhältnis zu den Intellektuellen beschrieben. Wer immer die sein mögen. „Die möchten, daß ich vor ihnen auf die Knie gehe. Aber da würden mir ja die Beine weh tun. Die sind vor allem beleidigt, weil ich mich so wenig um sie kümmere. Ich nerve die allein schon durch meine Existenz. Diese Leute sind mir wirklich gleichgültig. Und das ist etwas, woran sie nicht gewöhnt sind.“ Er irrt. Seine Vorgänger waren auch nicht viel besser. Aber wenn er meint, er sei ständig unterschätzt worden – Interview Figaro –, da mag er recht haben. Bleibt also eine Frage. Wie kann man Birnen aus der Fassung bringen? Antwort? Mit einer kleinen Drehung nach links.

Ich muß immer an das große Aquarium denken, das in seinem Arbeitszimmer im Kanzleramt steht. Ist das nicht toll? Ein Bundeskanzler mit Aquarium und daneben die deutsche Fahne. Das macht uns keiner nach. Ich hätte es zu gern mal gesehen. Warum ausgerechnet da ein Aquarium? Es gibt eine Lösung. Sie ist von Christoph Lehmann, 1630, dreihundert Jahre vor Kohls Geburt. Das Buch heißt „Florilegium Politicum“ (Politischer Blumengarten). „Ein fisch, der im Rein gefangen, verliert seine kraft, wenn er in ein beschlossen wasser gesetzt wird.“

Ob es Machtinstinkt war? Und wir? Sind wir für ihn alle nur kleine Fische? Also als Trost, sozusagen Negation der Negation, ein Gedicht von Christian Morgenstern, 1905. „Das tiefste deutsche Gedicht“, wie er es selbst genannt hat. Also noch tiefer als Helmut Kohls Aquarium:

Fisches Nachtgesang

Uwe Wesel, Jahrgang 1933, ist Professor für Rechtsgeschichte und Zivilrecht an der Freien Universität Berlin.