Von Susanne Mayer

Zum Eklat kam es am letzten Sitzungstag vor der Sommerpause. 78mal schon war die 1. Strafkammer des Landgerichts Münster seit November 1992 zusammengekommen, um im sogenannten Montessori-Prozeß zu klären, ob über fünfzig Kindergartenkinder von dem Erzieher Rainer M. sexuell mißbraucht worden sind, in einem der größten Prozesse dieser Art, die in Deutschland je stattgefunden haben (ZEIT Nr. 20, 1993). Es war also an diesem 22. Juni kurz vor Mittag, als die Rechtsanwältin Monika Schupp-Thielke, Nebenklagevertreterin von 22 Eltern, aufstand und zum Richterpodest ging. In der Hand hielt sie die neuste Ausgabe des Hamburger Nachrichtenmagazins Der Spiegel und einen handgeschriebenen Zettel.

Frau Schupp-Thielke fordere, entzifferte der Vorsitzende Richter Klaus-Dieter Walden, zwei im Saale anwesende Redakteure des Magazins als Zeugen zu laden. Geklärt werden müsse, ob die Journalisten vorgeladene Gutachter beeinflußt hätten. Ihre Begründung: der offensichtliche Kontakt der beiden zu den Vertretern des Angeklagten sowie die offene Parteilichkeit ihrer Berichterstattung für ihn. Dann saßen Gerhard Mauz („68, nicht verwandt oder verschwägert mit dem Angeklagten“) und Gisela Friedrichsen („48, wohnhaft in Wiesbaden“) mit versteinerten Gesichtern vor dem Richter. „Möchten Sie eine Aussage machen?“ – „Nein.“

Gerhard Mauz und Gisela Friedrichsen sind renommierte Gerichtsberichterstatter. Um so auffälliger ist ihr Auftreten im Verfahren gegen den 35jährigen Angeklagten Rainer M. Nicht nur weil Frau Friedrichsen, wie Nebenkläger behaupten, ihm tröstend den Arm um die Schulter legt oder Herr Mauz seinen Verteidigern quer über den Gerichtssaal freundliche Einladungen zum Lunch zuruft („Wie immer im 7. Stock!“). „Jeder Mann ein Kinder-Schänder?“ hatte der Spiegel- Titel Nr. 25 neben dem riesigen Penis eines Strichmännchens gefragt und mit einer Polemik angehoben: „Verheiratet, Kinder? Und dazu ein Tier im Haus oder in der Wohnung? Einen Hund, eine Katze, ein Meerschweinchen? Es genügt auch eine Schildkröte – und schon ist der Vater der Familie hoch gefährdet.“

Der Artikel kritisierte ein „Übermaß in der Befassung mit sexuellem Mißbrauch“, blickte streng auf Eltern („Mütter lauerten auf jedes Wort ihrer Kinder“), stellte Analogien her zu ausländischen Verfahren („Was 1983 in Kalifornien begann, ..., schwappte über“) und behauptete in dramatischer Prosa („Sturzfluten ergossen sich, Lawinen brachen zu Tal“) nichts weniger als eine Hexenjagd auf den Mann. Kinderscharen, so die Botschaft, hätten sich, aufgestachelt durch feministische Fanatikerinnen und hysterische Eltern, zu einer kritischen Masse entwickelt.

Die Geschichte beginnt Ende 1990 mit der Äußerung eines Kindes, das in Coesfeld/Westfalen den Montessori-Kindergarten besuchte. An einem Sonntag wollte der Junge sich einem Spaziergang mit seiner Mutter und deren Freundin mit dem Hinweis entziehen, er habe Fieber. Die Freundin erinnert sich, die Stirn gefühlt („kalt“) und dann gefragt zu haben: „Was bekommst du, wenn du Fieber hast?“ Da sei, sagt sie heute, wohl ihre Profession durchgeschlagen. Brigitte Turczer, Mitarbeiterin der Coesfelder Beratungsstelle für sexuellen Mißbrauch, Zartbitter, ist Psychotherapeutin und hatte gedacht, der Junge wolle sich durch eine falsche Auskunft eine Süßigkeit einhandeln. Nicht so sehr eine „perverse Fragestellung“ also, wie Tamara Duve in „Spiegel TV“ aufgeregt behauptete, doch eine merkwürdige Frage. Die Antwort war erstaunlich: „Rainer steckt mir immer den Finger in den Po“, sagte der Junge.

Die Äußerung hatte Folgen, zu Recht, auch wenn das Kind sie in einer späteren Vernehmung modifizierte: Es habe damals eine lange Hose getragen. Der Kindergarten wurde benachrichtigt, später auch jener in Borken, wo Rainer M., bis dahin unbescholten, ja beliebt, in den Jahren zuvor gearbeitet hatte. Die Eltern berieten sich, sie befragten ihre Kinder nach ähnlichen Vorfällen, tauschten Informationen aus – Selbstverständlichkeiten. Dann wurden Psychologen hinzugezogen, und die Kinder erzählten nun auf Befragung von weiteren sexuellen Spielarten – von dem Verzehr von Kot und Urin bis hin zu Auspeitschungen. Perversionen, doch keinesfalls, wie „Spiegel TV“ weismachen will, welche, die „alle Vorstellungskraft“ übersteigen. Erst kürzlich tauchte in einem anderen Mißbrauchsprozeß ein Video mit Kinderpornographie auf, das den Titel „Brötchen mit Kot und Ketchup“ trug. Die Kinder erzählten schließlich von Raumschiffen, die landeten, und Taxifahrern, die sie entführten, von ritueller Schlachtung von Babies und Fallgruben, die nie gefunden wurden.