Von Norbert Mappes-Niediek

Darf ein roter Minister eine schwarze Bank verkaufen? Und wenn ja, an wen? Zwei Angebote liegen auf dem Tisch. Aber gleichgültig, wem er bei der Privatisierung der traditionsreichen Wiener "Creditanstalt" den Zuschlag gibt: In jedem Fall legt sich Österreichs Finanzminister Ferdinand Lacina mit einer der beiden Regierungsparteien an.

Sozialdemokraten (SPÖ) und Volkspartei (ÖVP) beschlossen 1991 den traditionell auf die Parteien aufgeteilten Bankensektor zu "entpolitisieren". Nach einem drei Jahre alten Parlamentsbeschluß darf der Finanzminister allein entscheiden, wem der Staat seine Anteile – knapp fünfzig Prozent, aber siebzig Prozent der stimmberechtigten Aktien – verkauft. Es blieb jedoch beim Vorsatz der Entpolitisierung: Mit Leidenschaft diskutiert das politische Wien die Machtfrage, ob die "Schwarzen" die Creditanstalt behalten dürfen oder ob das Institut "weiß" wird und damit die "Roten" im österreichischen Bankwesen die Übermacht bekommen.

Zunächst trat im April aus Zürich Crédit Suisse auf den Plan. In einem ersten Schritt wollen die Schweizer 25 bis 30 Prozent der Anteile der Creditanstalt haben, langfristig aber alle. Bis heute neigt Lacina der Schweizer Lösung zu: Die finanzkräftige Bankengruppe ist längst international tätig und hat sich in den USA mit der Übernahme der Finanzgruppe First Boston einen zweiten Heimatmarkt erschlossen. Die Übernahme der Creditanstalt, die in Österreich elf Prozent Marktanteil hält und sich mit etlichen Repräsentanzen in Tschechien, Polen, Ungarn, Rußland, der Slowakei, Slowenien und Bulgarien gut ins wachsende Ostgeschäft gebracht hat, wäre für sie eine ideale Ergänzung. Rainer E. Gut, Chef der Schweizer Holding, versprach, "kein Schweizer Kreuz" in den Schriftzug zu kopieren und der Creditanstalt ihre Identität zu belassen, und nannte es einen Vorteil, daß "wir mehr oder weniger dieselbe Sprache sprechen".

Mehr oder weniger: Der Schweizer sagt auch, daß er "größten Wert auf Entpolitisierung" lege – und meinte damit den öffentlichen Streit um sein Angebot. In den Ohren österreichischer Banker ist das Wort "Entpolitisierung" aber eine handfeste Drohung.

Die Creditanstalt, 1855 vom Baron de Rothschild gegründet, wurde beim "Anschluß" an das Deutsche Reich 1938 "arisiert", kam in deutsche Hände und wurde nach dem Krieg 1946 verstaatlicht. Im strengen Proporzsystem fiel sie an die konservative ÖVP – der inoffiziell bis heute die Hoheit über personalpolitische Entscheidungen zusteht. Indikator für die Farbe jedes Betriebs, auch jeder Bank, ist das Ergebnis der Betriebsratswahlen: Die Schwarzen halten bei der Creditanstalt die absolute Mehrheit und sorgen mit ihrer Personalpolitik dafür, daß es immer so bleibt – ein Spiel, für das die Schweizer wohl wenig Verständnis aufgebracht hätten.

Als die Entfärbung drohte, fand sich in wenigen Wochen eine Alternative: die "Österreich-Lösung". Sieben "heimische" Industriebetriebe, verstärkt durch die schwarze "Erste österreichische SparCasse", die deutsche Commerzbank, die Bausparkasse Wüstenrot und die italienische Generali-Versicherung, wollen 37 Prozent der Anteile erwerben. Sie locken mit einem hohen Kaufpreis und spekulieren, daß die Regierung nach dem EU-Beitritt zum 1. Januar 1995 viel Geld braucht. Im Finanzministerium aber herrschte von Anfang an Skepsis über die Stabilität des bunten Konsortiums – besonders nachdem einer der angehenden Bankbesitzer, ein Fruchtsafthersteller, öffentlich bekannte, er wolle nach gelungenem Deal flott wieder aussteigen. "Wir haben da den paradoxen Fall, daß Kunden der Bank mit Krediten der Bank die Bank kaufen wollen", meint ein SPÖ-Politiker. Lieber als der schwarze Bauchladen wäre Lacina ein "strategischer Partner" für die Expansion nach Osten. So einer ist in Österreich aber nicht zu finden.