Dreißigtausend Todesurteile hat die Wehrmachtjustiz gegen Deserteure, „Wehrkraftzersetzer“, Kriegsdienstverweigerer und Selbstverstümmelte gefällt, mehr als zwanzigtausend vollstreckt – eine der Ungeheuerlichkeiten dieses Jahrhunderts. Ungezählte starben in Moorlagern, Feldstrafanstalten und den 500er Bewährungsbataillonen.

Die wenigen Überlebenden hatten gehofft, der Bundestag würde ihnen pauschal eine Entschädigung zusprechen. Doch die Koalitionsmehrheit im Rechtsausschuß besteht auf Einzelprüfung, da es – ganz im Geiste des CDU-Altvorderen und einstigen Marinerichters Filbinger – auch rechtmäßige Urteile gegeben habe. Andernfalls würde man ja „nichtfahnenflüchtigen Kriegsteilnehmern vorwerfen, sie hätten ein Terrorregime unterstützt“.

Wenn das die wahre Meinung der Regierenden ist, entlarven sich ihre Gedenkreden zum 20. Juli als marktschreierische Heuchelei. So kann man dem beherzten CDU-Bundestagsabgeordneten Friedbert Pflüger nur Glück wünschen, der seine Kollegen aufruft, die Urteile der Mordjustiz „deutlich und pauschal“ als Unrecht zu brandmarken. Dazu bedarf es nur eines Quentchens von jenem Mut, der allen Widerständlern eigen war. kj