Von Dietmar H. Lamparter

Brasilien sorgte in diesen Tagen gleich doppelt für Aufregung. Während seine Fußballer in Los Angeles in der sengenden Sonne kräftig schwitzen mußten, um Weltmeister zu werden, kamen aus der Heimat ganz andere Nachrichten: Nachtfröste, die die brasilianischen Bundesstaaten Paraná, São Paulo und Minas Gerais Ende Juni und Anfang Juli heimsuchten, sorgten in der internationalen Kaffeewelt für regelrechte Panik. Da befürchtet wurde, daß große Teile der nächsten Ernte im wichtigsten Kaffeeanbauland der Erde gefährdet seien, schnellten die Preise an den Warenterminbörsen in New York und London sprunghaft in die Höhe: Kostete das Pfund Rohkaffee der Sorte Arabica im April noch zwischen 80 und 90 US-Cents, so verlangten die Händler Mitte Juli bereits den dreifachen Preis.

Die Reaktion der Kaffeeröster in Deutschland ließ nicht lange auf sich warten. Für den braunen Muntermacher müßten die Verbraucher wohl noch in diesem Jahr „vier bis fünf Mark“ pro Pfund mehr bezahlen, orakelte vergangene Woche Peter Miebach, Vorsitzender der Tchibo Holding AG in Hamburg, Bild brachte bereits Ratschläge für Hamsterer („Kaffee hält sich in der Gefriertruhe doppelt so lange“), und kurz darauf setzte Marktführer Kraft Jacobs Suchard aus Bremen (Jacobs, Onko, Hag) Fakten: Vom 25. Juli an kostet die 500-Gramm-Packung Jacobs Krönung die Großhändler zwei Mark mehr. Nach altbewährter Sitte ziehen die restlichen Anbieter nach.

Zwar wird die Panik an den Kaffeebörsen wohl wieder abflauen. Doch die Zeiten, in denen das mit Abstand beliebteste Getränk der Deutschen (180 Liter pro Kopf und Jahr) im Durchschnitt um die sieben Mark pro Pfund – etwa elf Pfennig pro Tasse – kostete, sind wohl „erst mal vorbei“, sagt Frieder Rotzoll, Geschäftsführer des Deutschen Kaffee-Verbands in Hamburg.

Dazu hätte es die Nachtfröste in Brasilien, deren reale Auswirkungen ohnehin erst bei der kommenden Ernte im Oktober sichtbar werden, gar nicht gebraucht. Die Ursachen liegen im System des weltweiten Rohstoffhandels, dem zyklischen Auf und Ab der Preise. Die beiden vergangenen Ernten lagen nämlich deutlich unter dem aktuellen Verbrauch: Zwischen dem weltweiten Konsum von rund 97 Millionen Sack (à 60 Kilogramm) und der Ernte klaffte ein „Angebotsdefizit“ von 8 bis 10 Millionen Sack. Und da wohl aus der ursprünglich erwarteten Rekordernte in Brasilien nichts wird – die Frostgefahr hält noch bis Ende August an –, wird „die Lücke im Kaffeejahr 1994/95 kaum geringer ausfallen“, wie Dieter Nagel, Chef-Einkäufer beim Hamburger Kaffeeröster J.J. Darboven (Idee-Kaffee) befürchtet. Zwar kann das Defizit mit den in den Zeiten der Überproduktion angehäuften Vorräten in Produktions- und Konsumländern aufgefangen werden, doch der Engpaß an sich war abzusehen.

Der historische Tiefstand der Kaffeepreise der vergangenen vier Jahre trieb nämlich Tausende von kleinen Kaffeebauern in den Ruin und destabilisierte ganze Volkswirtschaften in den Anbauländern; darunter die Ärmsten der Armen wie Uganda, Burundi oder Guatemala. Während in Deutschland das Pfund Kaffee in den vergangenen vier Jahren im Schnitt für rund sieben Mark über den Ladentisch ging – bei Discountern wurde es gar für unter fünf Mark verschleudert –, kam davon höchstens 1,80 Mark im Ursprungsland an. Da kassiert der deutsche Fiskus mit 2,15 Mark Kaffeesteuer pro Pfund (ohne Mehrwertsteuer) noch mehr. Der Pflanzer in Kamerun oder Costa Rica mußte sogar schon froh sein, wenn er eine Mark für ein Pfund Bohnen bekam. Dieser Betrag lag unter dem Selbstkostenpreis. Die Bauern waren gezwungen, ihre Kaffeesträucher regelrecht zu „melken“. Für die notwendige Pflege der Sträucher, für Dünger, Schädlingsbekämpfung oder Erneuerung der Pflanzungen blieb nichts mehr übrig. Die Folge: Viele Kleinbauern gaben auf oder verlegten sich auf andere Früchte.

Begonnen hatte die fatale Preisschraube nach unten mit dem Scheitern des Weltkaffeeabkommens im Jahr 1989. In diesem Abkommen hatten sich die Erzeugerstaaten, durchweg arme Entwicklungsländer oder Schwellenländer des Südens, mit ihren Hauptabnehmern in den Industriestaaten des Nordens zu einem Quoten- und Preisstützungssystem zusammengerauft. Damit war es gelungen, den Verkaufspreis einigermaßen zu stabilisieren. Dennoch rutschten die Anbauländern immer mehr in die Misere. Während die Einnahmen für ihren Rohstoff nämlich in den achtziger Jahren bestenfalls stagnierten, kletterten die Preise für importierte Maschinen, Anlagen oder Dünger aus den Industrieländern unaufhörlich.