Es soll eine schöne Zeit gewesen sein, sagen die, die sie nicht erlebt haben. Sie gaben, nachdem sie vorbei war, der Belle Époque ihren Namen. Noch immer sind sich die Experten nicht einig, wann genau sie begonnen hat, die schöne Epoche zwischen dem Fin de siècle und dem Anfang des ersten Weltkriegs, aber das ist wohl bei allen verlorenen Paradiesen so. Nur für wen sie schön war, darüber besteht kein Zweifel. Sie war, wie viele Epochen, schön für alle, die sich die Schönheit leisten konnten. Es war, sagen die, die dabei waren, eine Zeit der rauschenden Feste, eine Dauerparty des Luxus und der Moden, der Ausnahmezustand in Permanenz.

Die Ausstellung in der Essener Villa Hügel situiert die Belle Époque zwischen 1880 und 1914. Ihr Zentrum war Paris, das Paris der großen Boulevards und Bankette, das Paris der Weltausstellungen und Warenhäuser, der Haute-Couture und Haute Volée. Es muß eine aufregende Zeit gewesen sein, mit der Erfindung der bewegten Bilder, den ersten Automobilen und der drahtlosen Telegraphie, mit der Einführung der künstlichen Straßenbeleuchtung, der Eröffnung der ersten Metro und all den technischen Errungenschaften, die die Wahrnehmung revolutionierten und die Welt elektrifizierten. Das Geld kam in der Dritten Republik endgültig an die Macht, und mit ihm die, die es hatten: das Großbürgertum. Sein demokratische! Umschlagplatz wurde das Warenhaus, eine Orgie aus Stoffen und Seiden, Tapeten und Möbeln, Schmuck und Kurzwaren – Zolas „Paradies der Damen“.

Ein kostbares Sammelsurium des exklusiven und nicht immer guten Geschmacks versammelt auch die Schau in der Reihe „Europäische Metropolen“; all die Zeugnisse eines exaltierten Lebensgefühls, das im ästhetischen Arrangement seine Bestimmung und im Ornament seinen Stil fand: Skulpturen und Interieurs, Kristall und Geschirr, Kandelaber und Tintenfässer, Dessous und Festroben – kein Gegenstand, der nicht mit ausladendem Prunk demonstrierte, daß Geschmack eine Frage des Geldes und Geld eine Frage des guten Geschmacks ist. Eine Kulissenwelt aus mehr als 600 Exponaten ist in Essen zu sehen, eine eigenwillige Mischung aus Pomp und Haut-Goüt, Kitsch und Karikatur, Historismus und Aufbruchsstimmung – ein Paradies in Vitrinen.

Es soll eine vergnügte Zeit gewesen sein, eine Zeit der Café-Concerts, der Theater, der Bälle, der Salons und Bordelle, des Tout-Paris und der Demi-Monde. Ihr Kronzeuge, Henri de Toulouse-Lautrec, ist natürlich vertreten, der, ein verlorener Grafensohn, in den Cabarets und Theaterlogen zum Meister physiognomischer Pointen avancierte. Die Belle Époque, das waren die Vergnügungsviertel am Montmartre, das Moulin Rouge und das „Chat Noir“, die Chansonniers Aristide Bruant und Yvette Gilbert, das Theater der Sarah Bernhard und der Tanz der Loie Fuller – all diese bis zum Überdruß reproduzierten Ikonen einer Legende, die in den Shops an der Sacré Cœur noch ihren restlosen Ausverkauf überlebt. Schon damals stellte die Zeitung La vie Parisienne angesichts der Allgegenwart eines noch immer besonders beliebten Plakats die ultimative Frage: „Wer befreit uns von dem Konterfei Aristide Bruants?“

Es muß eine bunte Zeit gewesen sein. Die Plakatkunst feierte ihre ersten Triumphe auf den von Haussmann begradigten Boulevards. Die Kunst trat in den Dienst der Werbung, und Jules Chéret war der Mann der Stunde. Seine Werbeengel, Mädchen wie Veilchenpastillen, prägten das Frauenbild, „die Pariserin“ wurde geboren und von den Salonmalern Charles Giron, Jean Béraud, Antoine Bourdelle und Paul Baudry zur Allegorie für das süße Frankreich erkoren, das Frankreich einer Epoche, die eine ornamentale Schaumschlägerei an Fassaden, Portalen und Brücken als nationale Symbolik anpries.

Es ist, sagen die Geschichtsbücher, eine bewegte Zeit gewesen, eine Zeit der Krisen und Skandale, der rasanten technischen Beschleunigung und elektrisch aufgehellten Nacht. Die ungeliebte Republik konnte ihre Geburt aus der Niederlage von 1871 nicht verwinden, so hielt sich die Bourgeoisie an die Stimulanzen einer abgelebten Zeit. Und während in der Salpetriere die Hysterika pathologisiert wurde, verewigte Antoine Bourdelle die nervöse Absence in den Zügen einer Nymphe aus Bisquitporzellan. „Der Kuß der Rose oder die Ekstase“: In mythologischen Nippes, in küssenden Rosen und artifiziellen Ekstasen fand die Liaison von Krankheit und Kunstgewerbe ihre letzte Gestalt.

Die Ausstellung in der Villa Hügel schlägt keinen Bogen zur Sozialgeschichte der Gründerzeit, sie konzentriert sich auf die Illustration eines Lebensgefühls, das im synästhetischen Rausch der Sinne den schalen Geschmack des ennui parfümierte und die Neurose zum dernier cri adelte. So läuft man durch die theatralischen Interieurs wie durch ein Warenhaus edler Gefühlssurrogate und darf sich als Erbe der Schöner-Leben- und Spaß-Kultur mitgemeint fühlen. Verlorene Paradiese, das lehrt diese Schau, kehren unbarmherzig wieder, und es werden die Nachgeborenen sein, die sie zur schönen Epoche ernennen. Die Belle Époque, das kann man im – ausgezeichneten – Katalog nachlesen, muß eine unheimliche Zeit gewesen sein. (Villa Hügel, bis zum 13. November, Katalog in der Ausstellung kostet 50, sonst 75 Mark)

Andrea Köhler