Wir beginnen unser Spiel links oben. Der Mann setzt die Flasche, die Frau das Glas ins Startfeld. – Gluck-gluck zeigt an, daß nun Bier, in Schlucke portioniert, durch die Körper hindurchläuft. Die Geräusche des Einschenkens und Schluckens werden ebenso parallel geschaltet wie die Spielerkörper von der Bierwirkung. Dreimal nicht würfeln, weil bis zum nächsten Schritt mindestens drei Biere nötig sind.

Bla, bla, bla – wir haben nun das Feld der intersexuellen Kommunikation erreicht. Die eintönige Folge von Bla-Silben meint Redundanz, und Redundanz meint laut Fremdwörterbuch „Überladung einer Aussage mit überflüssigen sprachinhaltlichen Elementen, die keine zusätzliche Information zur Grundinformation liefern“. Die Grundinformation besteht darin, daß es in allem um das Eine geht. Blabla heißt eine Sprache, die von nichts spricht, um davon zu sprechen, daß gesprochen wird und wer spricht. Erst wenn die Worte nichts mehr sagen, verweisen sie gemeinsam auf die sprechenden Personen. Die Theorie der Systemspieler hat aufgezeigt, daß „Liebe“ ein Effekt von „Intimkommunikation“ ist. Je inhaltsloser das Gespräch, desto persönlicher und intimer ist es. Mittels Blabla zeigen einander die Gesprächspartner jene Stufe von Begehren, die auch noch das blödeste Gerede glückhaft in Musik verwandelt. Das ist wichtig für danach. Blabla stellt Vertrauen her. Es reduziert die Komplexität der Rede, bis diese in reine Selbstreferenz umschlägt.

Von diesem Gipfel der Intimität nun zum nächsten Feld, wo sich die Effektivität des bisherigen Bierkonsums erweist. Die mit Gluck-gluck und Blabla bereits erreichte Gleichschaltung der Spieler wird hier nochmals zur Disposition gestellt. Zu dir? – Zu mir! Die rituelle Dialogform will für den nachfolgenden Akt eine demokratische Legitimation durch ein politisch korrektes Verfahren erlangen. Hinter dem Vorwand der Frage nach dem Ort gibt die Frau jene ausdrückliche Einverständniserklärung ab, die von ihr heute ebensosehr gesellschaftlich gefordert wird, wie sie in früherer Zeit verpönt war.

Ah! Ah! Ah! Wir gelangen nun in eine von seriellen Ereignissen körperlicher Lautlichkeit strukturierte Phase. Die Differenziertheit von Rede und Gegenrede weicht hier einer Buchstabenfolge, die den Grundlaut A mit dem h verbindet, den Schrei mit der Atmung. Der Mangel an Artikuliertheit, den Schrei und Atmung gemeinsam haben, soll darauf hinweisen, daß es nun nicht mehr um willentliche Zeichen, sondern um gleichsam natürliche und daher jeder etwaigen Täuschungsabsicht entzogene Anzeichen des Körpers geht.

Jaaahhhhhhh. Im Endstadium der Intimkommunikation geht die rythmischiterative Zeitstruktur verloren und weicht einer Buchstabenfolge, welche die Möglichkeit verschmelzender Übergänge zwischen Buchstaben suggerieren soll. Das anfängliche J zitiert nochmals kurz das Moment des vertraglichen Konsensus herbei, bevor das a durch die Häufung seinen Buchstabenwert (Ja) verliert und in den Bereich des willenlosen Schreis übergeht, um schließlich in der Folge der h auch noch das Tönende des keuchenden Körpers auszuhauchen bis hin zum letzten Atemzug des weißen Todes. Ganz richtig folgt dem letzten h ein Punkt.

Aber, ach, die Verschmelzung der Buchstaben zeugt ein Baby: rabääh! Nun werden die Eltern darüber aufgeklärt, daß Ah! ein artikuliertes Wort ist, welches Unartikuliertheit bedeutet, während wahrhaft Unartikuliertes wie rabääh! klingt. Um derart ungeordnete Kommunikationsverhältnisse zum Besseren zu wenden, wird ein technisches Gerät in den Mund eingeführt. Die dem Baby fehlende Herrschaft über die Lautfolge wird vom Schnuller ersetzt. Das mag brutal sein, initiiert jedoch den Wunsch nach Sprache. Jenes Wünschen, worüber man nicht reden kann, darüber muß man schweigen. Der Schnuller bringt das Sprechen in Gang. Doch bleibt von jenem Sehnen, das zwischen den Buchstaben durchrutscht und als unartikuliertes Begehren übrigbleibt, vieles als orale Lust am Munde kleben. Die Bestellung einer Flasche Jever erfolgt in Form der geordneten Rede. Doch der Wunsch, der sich in Form von Worten artikuliert, speist sich aus der Erinnerung an das Fließen der Laute vor der Artikulation. Das Sprechen ist eine Folge von Einschnitten in den Lautfluß, das Schlucken eine Folge von Einschnitten in den Bierfluß. Die ewige Sehnsucht des Menschen aber gilt dem Ununterbrochenen. Wer diese Sehnsucht des Mundes nach dem Fließen des Unartikulierten nicht mehr mittels Schnuller stillen kann, bestellt sich am besten ein Bier.