Von Helga Hirsch

Petr Joza gräbt. Erst stöberte der junge Bankangestellte nur in verlassenen Häusern und in Archiven seiner böhmischen Heimatstadt Děčín: später wühlte er in ihren Abfallhalden, Wäldern und geräumten Grundstücken. Mal zwanzig, manchmal sogar zweihundert Zentimeter tief und so ungestüm, daß er sich den Arm brach. Schränke und Kommoden seiner kleinen Zweizimmerwohnung sind nach neunjähriger Suche überfüllt mit Kisten von Photos und Ansichtskarten, Abzeichen der Henlein-Partei und Anstecknadeln der Sozialistischen Jugend, mit alten Bierflaschen und kunstvoll bemalten Porzellanpfeifen aus vergangenen k.u.k.-Zeiten: Zeugnisse deutscher Geschichte im Böhmerwald, die zurückreicht bis ins 12. Jahrhundert. Das nationalsozialistische Deutschland sorgte dafür, daß diese Geschichte 1945 beendet wurde. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs vertrieben die Tschechen fast drei Millionen Sudetendeutsche aus ihrem Land und richteten damit viel Leid an. Die meisten haben dies verdrängt.

Der Beamte der Stadtverwaltung Děčín meint: "Nach 1945 hatten wir alle gleiche Rechte." Doch die wenigen verbliebenen Deutschen verloren damals die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. Einsam fühle er sich hier als Deutscher, sagt Karel S., unverstanden von tschechischen Mitschülern und Kollegen, die nichts wissen wollten. Die zwar persönlich nicht schuldig seien, weil sie erst Jahre nach Kriegsende hierhergekommen seien, aber unbewußt doch ein schlechtes Gewissen hätten, weil sie in geraubtem Besitz lebten. Sein eigenes Wissen erscheine ihm unwirklich wie ein Traum.

Die Sudetendeutschen seien selbst schuld an ihrer Vertreibung, meinen die meisten Tschechen noch heute: Sie haben mit großer Mehrheit für die faschistische Henlein-Partei votiert, haben Hitler die Tür geöffnet und haben die Tschechen aus den Gebieten vertrieben, die 1938 dem Reich angeschlossen wurden. Wer sich darüber empöre, daß die Tschechen nach dem Prinzip der Kollektivschuld verfahren seien, der solle sich vergegenwärtigen, daß zuerst die Deutschen so verfahren seien: der Anschluß von 1938 als "Korrektur" der Staatsgrenzen von 1918; die Morde an der Bevölkerung von Lidice als Vergeltung für das Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich 1942. Gemessen daran, meint der Vorsitzende des "Klubs des Tschechischen Grenzlands" in Děčín, sei die Rache der Tschechen sogar gemäßigt gewesen: keine Vertreibung, eine "Abschiebung" nur als gerechte Strafe für massenhaftes Vergehen.

Bevor die Sudetendeutschen mit achtzig bis neunzig Prozent zur faschistischen Henlein-Partei umschwenkten, hatte die Mehrheit christlich-sozial und sozialdemokratisch gewählt – "aktivistische" Parteien, die nicht den Anschluß ans Reich und nicht den Staatsverrat, sondern eine Verbesserung der Lage der 3,4-Millionen-Minderheit innerhalb der tschechoslowakischen Republik anstrebten und sich sogar an der Regierung beteiligten.

Doch die tschechische Regierung honorierte die Staatstreue nicht. Sie benachteiligte die von der Weltwirtschaftskrise besonders schwer getroffene deutsche Siedlungsregion und wies Forderungen zur Schul- und Sprachenpolitik zurück. Konrad Henlein, der Turnlehrer aus Asch, konnte mit dem Wirtschaftsaufschwung im "Reich" werben und erhielt 1935 zwei Drittel aller Stimmen. Strittig ist, ob die Sudetendeutschen in besonders hohem Maß an den Naziverbrechen beteiligt waren, wie viele Tschechen meinen. Der Sudetendeutsche Karl Hermann Frank aus Karlsbad zum Beispiel ließ im November 1939 die tschechischen Hochschulen schließen, über tausend Studenten verhaften und ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportieren.

Die derzeitige erregte Debatte über die Sudetendeutschen enthüllt nach Meinung der Prager Journalistin Petruška Sustrovä vor allem ein Problem der Tschechen mit sich selbst: mit ihrer unkritischen Selbstwahrnehmung in der Geschichte. Vielen falle es schwer, fremdes Leid zu respektieren, weil ihnen das eigene unvergleichlich größer erscheine. Und mit dem Eingeständnis von tschechischer Schuld an deutschem Leid gerate das ganze idealisierte Selbstbildnis ins Wanken, nach dem nur die Tschechen Opfer gewesen seien.