ESSEN. – Von außen ist die Villa kaum zu sehen; eine hohe weiße Mauer schützt sie vor neugierigen Blicken. Rundum ist das Anwesen, wie man Heime solcher Größe wohl nennt, videoüberwacht und alarmgesichert. Nach dem Läuten dauert es zwei, drei Minuten, bis sich drinnen etwas rührt. Manfred L. – seinen Namen sollen wir bitte nicht ausschreiben – öffnet das Portal und überprüft erst den Ausweis des Besuchers, ehe er ihn hereinläßt. Er bittet jedoch nicht ins Innere, sondern am Haus vorbei auf die Terrasse. L.s Frau Maria kommt mit einer Flasche Mineralwasser hinzu. Ein parkähnlicher Garten mit Teich erstreckt sich von hier.

So feudal sei ihr eigenes Zuhause nicht, erzählt Maria L.; sie genieße es, "mal so schick zu wohnen". Das Rentnerehepaar ist selbst nur zu Gast hier, bereits zum siebten Mal. Die Hauseigentümer machen viermal im Jahr Urlaub, während dieser Zeit ziehen die L.s hier ein: Sie bessern ihre Rente als sogenannte Haushüter auf. Im Rheinland, berichten sie, hätten sie einen weiteren Stammkunden, einen vermögenden Witwer, der ebenfalls mehrmals pro Jahr verreist. In dessen Haus versorgen sie dann auch noch den Papagei.

Vermittelt hat das Ehepaar L. der ehemalige Kripobeamte Horst Nüsser. Bereits seit zwölf Jahren betreibt er in Essen den Agitas Haushüterdienst (Werbeslogan: "Sorglos außer Haus"). Jetzt zur Ferienzeit hat das Gewerbe Konjunktur, Ein knappes Dutzend Häuser wird derzeit von Nüssers Hütern bewohnt. Sie gießen die Blumen, leeren den Briefkasten, holen die Zeitung herein, setzen die Mülltonne raus und nehmen Telephonate entgegen. Gegebenenfalls führen sie auch den Hund aus oder betreuen ältere Menschen und Kinder. Vor allem aber: Sie sind da. Nur eine Stunde am Tag, sagt Nüsser, dürfen seine Haushüter rausgehen, um Einkäufe oder andere Besorgungen zu erledigen. Denn die wichtigste Aufgabe der Haushüter ist es, mögliche Einbrecher durch demonstrative Anwesenheit abzuschrecken.

"Ich geh’ manchmal vor die Tür und fege die Straße", berichtet Manfred L.; abends schalten die Gastwohner stets reichlich Licht an, auch im Garten, oder lassen Musik ertönen. So eine Aufgabe, meint Maria L., "ist nur für Leute, die sich selbst beschäftigen können. Wer immer raus muß, für den ist das nix." Sie bringe sich manchmal ihre Nähmaschine mit; ihr Mann hat diesmal seinen Computer mitgenommen, um darauf die Korrespondenz für seinen Turnverein zu erledigen.

Er vermittle ausschließlich Rentner für diesen Job, sagt Agenturchef Nüsser: "Das Mindestalter habe ich auf 55 Jahre festgelegt." Alles, was jünger ist, sei ihm "zu agil". Bevor der Hüter ins Haus kommt, lernen sich beide Seiten zunächst bei einem Besuch kennen. Denn wichtig sei, daß ein "absolutes Vertrauen" bestehe – zwischen dem Auftraggeber, dem Haushüter und der Agentur. Dabei kann der Kunde wählen, ob er einen reiferen Herrn, eine ältere Dame oder ein Ehepaar haben möchte (bei Paaren berechnet Nüsser fünfzig Prozent Aufschlag).

Auch Günter Kratz setzt nur Rentner ein. Der pensionierte Polizeidirektor hat vor drei Jahren in Münster den Sicherheits-Haus-Service (SHS) gegründet (Slogan: "Bewachen durch bewohnen") und ist zugleich zweiter Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Haushüter-Agenturen, die rund dreißig Mitglieder hat. Es würde sich vielleicht anbieten, auch Studenten als Haushüter einzusetzen, meint Kratz. Doch mit denen habe die Branche schlechte Erfahrungen gemacht: Sie luden Freunde zu Feten ins fremde Heim ein, und abends gingen sie absprachewidrig in die Disco.

Kratz stellt hohe Ansprüche an sein Personal. Ehrlich, zuverlässig, verschwiegen und "unbestechlich" müssen die Rentner sein sowie höflich gegenüber den Nachbarn. Selbstverständlich haben sie ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen. Und für ihre Arbeit gibt er ihnen detaillierte Anweisungen; so dürfen sie zwischen zehn und dreizehn Uhr das Haus nicht verlassen, weil in dieser Zeit "kriminalstatistisch die meisten Einbrüche stattfinden".