Von Ota Filip

Die „Quartale“ der tschechischen, mährischen und slowakischen bis 1989 verbotenen Autoren, die seit 1971 in der Prager Untergrundedition „Unter Schloß und Riegel“ ihre Werke, dreißigmal abgetippt, publiziert oder die Charta 77 unterschrieben haben, waren in der Zeit des kommunistischen Totalitarismus streng geheim. Auch nach der „sanften Revolution“ 1989 waren diese Vierteljahrstreffen noch vertraulich; die „Quartaler“ blieben unter sich.

Das Quartal jetzt, in der vorwiegend ungarisch sprechenden slowakischen Stadt Komárno war jedoch anders: Die Quartaler und der Vorsitzende der Ungarischen Bürgerpartei in der Slowakei, Lazslo A. Nagy, luden in die Bastion Nr. VI in Komárno, in eine Festung, die nicht einmal die Türken knacken und erobern konnten, zum ersten Mal in der zwanzigjährigen Geschichte der Quartale auch „Fremde“ ein, ihre ungarischen, in der Slowakei lebenden Kollegen, Dichter und Intellektuelle. Die Initiative zum ersten Quartal mit „fremden“ Gästen, dazu noch im slowakischen Ausland, kam von Václav Havel: Im Herbst 1993, als das Quartal in seiner Präsidentenvilla bei Prag zusammenkam, wurde auch die Frage der ungarischen Minderheit, immerhin von mehr als einer halben Million ungarisch sprechenden Slowaken, erörtert. Václav Havels Überlegung überraschte alle: „In der siebzigjährigen Existenz der Tschechoslowakischen Republik ist es den tschechischen und mährischen Dichtern noch nie eingefallen, sich mit ihren ungarisch schreibenden Kollegen zu treffen.“ So kam es zum Vorschlag, das übernächste Quartal in der ungarisch sprechenden Slowakei zu organisieren.

Die Sache hatte damals einen heiklen politischen Haken: In der Slowakei herrschte im Herbst 1993 der slowakische Populist und Nationalist Vladimir Mečiar, der die ungarische, vorwiegend tschechoslowakisch gesinnte Minderheit in der Südslowakei nicht leiden konnte. Heute kann man es ja sagen: Die Quartaler wollen mit ihrem Treffen in der ungarisch sprechenden Slowakei die slowakische und ungarische intellektuelle Opposition gegen Mečiar stärken. Nach Mečiars Fall im März 1994 hat das Treffen der Quartaler mit ihren ungarischen Freunden viel von seiner ursprünglich politischen Brisanz und seinem konspirativen Reiz verloren; eine gemeinsame Demonstration von tschechischen, slowakischen, ungarischen Dichtern und Intellektuellen gegen die slowakischen Chauvinisten unter Mečiar war schon überflüssig.

Jemand am ungarischen Tisch – die Tschechen saßen an einem Tisch, die Ungarn am andern – stellte die Frage: „Warum sind wir, wenn schon nicht in der ersten Republik vor 1938, gleich nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengekommen? Die Mauern, die zwischen uns die Zeit, die Unvernunft der Chauvinisten und auch die kommunistische Ideologie wachsen ließen, sind wirklich hoch. Wer kennt schon in Prag oder in Brünn ungarische Dichter, bis 1992 tschechoslowakische Staatsbürger: Arpad Tözser, Laszlo Koncsol, Laszlo Barak, die Erzähler Fülöp Antal, Laszlo Szigeti, die Essayisten Zoltan Szebereny, Zsigmond Bödök, Laszlo Szigeti, Peter Samos, Jozsef Berenyi? Wir sind alle hier, aber unsere Namen sagen unseren tschechischen Kollegen nichts. Es tut uns leid, aber es ist schon einmal Tatsache: Wir haben in den vergangenen siebzig Jahren keine gemeinsame Vergangenheit gehabt.“

Das Quartal war da noch nicht eröffnet, und so fiel das betretene Schweigen am tschechischen Tisch nicht allzusehr auf. Eines aber war sicher: Die Ungarn wußten über ihre tschechischen und mährischen Kollegen, über führende Persönlichkeiten der Charta 77 (Milan Jungmann, Jan Trefulka, Eva Kantůrková, Zdenek Urbanek, Ivan Klima, Sergej Machonin und andere), die in Komärno dabei waren, über deren literarisches Werk und über deren Aktivitäten in der geistigen Opposition, fast alles.

Das Ritual der Quartale wurde eingehalten. Zuerst kam ein kurzes Referat über den Zustand der Gesellschaft an die Reihe. Martin Šimečka, Dichter und Verleger aus Bratislava, in der Zeit des Mečiar-Regimes Staatsfeind Nummer eins, fühlt sich nach Mečiars Fall erleichtert. Heute gilt seine Sorge der Wahl im September 1994: „Vladimir Mečiar, der große Dogmatiker, ändert seine Taktik. Er verläßt allmählich seine chauvinistische Linie und spricht immer mehr und immer radikaler über die wirtschaftliche Misere des slowakischen Staates.“