Sechs Gramm waffenfähiges Plutonium, in Deutschland aufgetaucht: Kommen sie wirklich aus einer russischen Waffenfabrik?

Jedenfalls entstammen sie nicht einem Reaktor, sondern einem Prozeß, in dem Plutonium-239 elektromagnetisch oder mit Gaszentrifugen angereichert wurde. Von den GUS-Staaten verfügt nur Rußland über derartige Anlagen. Zwar kommen, zumindest theoretisch, auch andere Quellen in Frage: Es ist nicht bekannt, wo in der Welt, ob in China oder im Westen, noch ähnliche Fabriken stehen. Unter allen Atommächten ist es aber Rußland, wo die größte soziale und institutionelle Unordnung herrscht.

Die extrem hohe Reinheit der Probe gibt ein Rätsel auf. Warum soll jemand mit exorbitantem Aufwand Plutonium-239 herstellen, das zu 99,75 Prozent rein ist, nur um Bomben damit zu bauen? Das geht bereits mit Material von 93 Prozent Reinheit. Man benutzt ja auch kein Platin zu Bauzwecken, wenn’s ebenso rostfreier Stahl tut. Zwar sind die Russen bekannt dafür, daß sie bei der Konstruktion von Nuklearwaffen lieber zuviel für die Reinheit ausgeben als zuwenig. Doch ist wahrscheinlicher, daß das hochreine Metall nur für Laborzwecke gedacht war, etwa für Meßinstrumente. Wäre es anders, so wäre nicht auszuschließen, daß noch mehr von dem Mörderzeug kanisterweise in irgendeinem illegalen Versteck lagert.

Das Quecksilber-Antimon-Gemisch, in das die Substanz eingebettet war, ist besonders seltsam. Die Fachleute haben keine Idee, wozu es gut sein soll. Allerdings gibt es den Behörden wenigstens einen kriminalistischen Hinweis: Ähnliche Stoffe dienten schon oft als Transportmedium für radioaktive Schmuggelware aus dem Osten; sie war bisher zu nichts anderem zu gebrauchen als zu Betrugszwecken und, mittelbar, zu Schlagzeilen.

Selbst wenn sich herausstellen sollte, daß der Fund von Tengen nicht mehr ist als eine kleine Menge giftigen Diebesguts, entwendet aus irgendeinem Labor – selbst dann ist er zugleich ein Menetekel: Es gibt große Mengen waffenfähigen Plutoniums im Osten, und wie gut es bewacht wird, weiß niemand im Westen.

Gero von Randow