LÖRRACH. – Ernst Jünger hatte wohl nicht übertrieben, als er in seinen Tagebüchern das Ganze eine „Tragikomödie“ nannte. Denn seit immerhin acht Jahren beschäftigen drei Millionen tote Käfer deutsche Gerichte, selbst der Bundesinnenminister wurde mit der Sache befaßt. Und ein Ende ist nicht abzusehen, auch wenn das Landgericht München nun zum wiederholten Male ein vermeintliches Schlußwort gesprochen hat. Schließlich handelt es sich bei den Käfern um eine der bedeutendsten Sammlungen der Welt.

Schon als junger Mann hatte der Münchner Lodenfabrikant Georg Frey seinem Hobby gefrönt, suchte im südamerikanischen Hochland ebenso wie in den Wüsten Asiens nach allem, was sechs Beine und einen Panzer hatte, ob das Insekt auf einem Baum saß oder auf der Erde kreuchte. 36 Expeditionen hatte Frey hinter sich, als er 1976 starb. Dazu hatte er 65 komplette Sammlungen gekauft, Mitarbeiter waren gezielt um die Welt gereist, um nach einem seltenen Käfer zu suchen. Nach fünfzig Jahren leidenschaftlichen Sammelns lagerten rund drei Millionen Tiere 150 000 verschiedener Arten in dem eigens hierfür errichteten Museum in Tutzing am Starnberger See, darunter 276 000 Blattkäfer, 166 000 Laubkäfer und 143 000 Schwarzkäfer, aufbewahrt in 6500 Schubladen. Die Fachbibliothek der Sammlung umfaßt 10 000 Bände, darunter sämtliche Ausgaben der von Frey herausgegebenen Schriftenreihe „Entomologische Arbeiten“.

Zehn Jahre nach dem Tod von Georg Frey bot seine Frau, die der Leidenschaft ihres verstorbenen Gatten stets etwas distanziert gegenüberstand, die Sammlung zum Kauf an. Das Naturhistorische Museum Basel, das selbst über eine 1,5 Millionen Käfer umfassende Sammlung (Schwerpunkt Himalaya und Saudi-Arabien) verfügt und dessen ehemaliger Leiter engen Kontakt zu Frey gehabt hatte, griff zu. Ein Verein mit dem programmatischen Namen „Käfer für Basel“ wurde gegründet, der die Kaufsumme von 2,3 Millionen Mark zusammentrug. Doch noch ehe die Krabbler vom Starnberger See ans Rheinknie gebracht werden konnten, regte sich Widerstand in Bayern: Die Zoologische Staatssammlung in München reklamierte ein aus dem Frey-Testament abgeleitetes Vorkaufsrecht, die Frey-Kinder bezweifelten, daß ihre Mutter berechtigt war, über die Sammlung zu verfügen. Sie fochten den Kaufvertrag an, parallel dazu ließ die Zoologische Staatssammlung die Sammlung zum „nationalen Kulturgut“ erklären, um die Ausfuhr zu verbieten.

Das Auftreten der Juristen muß die Witwe erzürnt haben. Kurzerhand schenkte sie, kurz bevor sie starb, die Sammlung den Baslern – und brachte damit wiederum ihre Kinder endgültig gegen sich auf. Es folgte eine Flut von Prozessen, die, was den Besitzanspruch angeht, stets zugunsten der Basler ausgingen. Erst Anfang Juli verurteilte das Landgericht München die drei Frey-Kinder, die Sammlung den Baslern zu übergeben. Diese hatten zuletzt die Echtheit der mütterlichen Unterschrift unter der Schenkungsurkunde angezweifelt, weshalb ein graphologisches Gutachten angefertigt werden mußte. Die Basler zeigten ihrerseits die Frey-Kinder wegen Hausfriedensbruchs an, da diese das den Baslern für drei Jahre überlassene Museum in Tutzing betreten hatten, um die Käfer nach München zu schaffen – gegen den Willen der Besitzer übrigens, weshalb über Monate auch noch die Staatsanwaltschaft ermitteln mußte. Mehr als 200 000 Mark haben die Basler inzwischen für den Rechtsstreit ausgegeben.

Das jüngste Urteil ist nun gegen Hinterlegen einer Sicherheitsleistung von 2,05 Millionen Mark vorläufig vollstreckbar. Und die Basler sind entschlossen, die Insekten zu holen. Weil diese aber nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes nicht ausgeführt werden dürfen, sollen sie nur bis zur Grenze nach Weil am Rhein gebracht werden. „Weil liegt nur einige Kilometer Luftlinie von meinem Büro entfernt“, meint Michel Brancucci vom Naturhistorischen Museum Basel, „wir richten halt in Deutschland eine Dependance ein.“ Im übrigen spielen sie mit dem Gedanken, in Bonn eine Sondergenehmigung für die Ausfuhr der Käfer zu beantragen. Schließlich, bemerkt Brancucci, sei nicht nachvollziehbar, weshalb ein Andenkäfer in Deutschland ein nationales Kulturgut sei. Franz Schmider