Neue Werte braucht das Land. Wer die gesellschaftlichen Probleme lösen will, muß die Moral der Menschen verändern. Der Verfall der traditionellen Werte ist die Wurzel aller Übel: Drogen und Gewalt, soziale und wirtschaftliche Probleme. Der Verdacht, der Zustand des Landes könne etwas mit Politik zu tun haben, verschwindet in den Kulissen der Wahlkämpfe, und ein Chor dunkler Klageweiber betritt die Bühne. Ihr Refrain: Das Land ist nicht mehr in Ordnung, weil es die Menschen nicht mehr sind.

Es sind zwar Konservative, die die moralische Debatte entfachen; aber sie sprechen für all jene, die das diffuse Gefühl haben, etwas sei schiefgelaufen in der modernen Gesellschaft. Der politische Appeal der Konservativen gründet in ihrem moralischen Appell. Sie wühlen Themen auf, die weiter reichen als Brot und Spiele. Das ist eine neue Lage. In der Vergangenheit hatten Konservative keinen besonderen Anspruch, schon gar kein Monopol auf gesellschaftliche Moral. Das Goldene Zeitalter haben sie stets in der Vergangenheit gesucht; Geschichte haben sie erlebt als Abstieg und Auflösung, als Verfall und Entfremdung.

Für Liberale und vor allem für Linke dagegen lag das Gelobte Land in der Zukunft, und dafür haben sie, mit Revolution oder Reformen, gekämpft. Dies war "eine Vorstellung von großer Wirksamkeit und Kraft im westlichen politischen Gedankengut, die Vorstellung einer Rettung von Leid und Unterdrückung: eine diesseitige Erlösung, Befreiung, Revolution", schreibt der amerikanische Philosoph Michael Walzer über die moralische Wucht dieses (linken) Glaubens. "Wir klagen über Unterdrückung; wir hoffen auf Befreiung; wir schließen uns in Bünden und Verfassungen zusammen; wir streben nach einer neuen und besseren Gesellschaftsordnung." Für lange Zeit konnte die Linke, in Theorie und Praxis, das Monopol für Ausbruch und Aufbruch beanspruchen. Ihre politische Faszination bestand für viele westliche Intellektuelle selbst noch im Angesicht des Gulag darin, daß sie sich mit guten, mit moralischen Gründen zu legitimieren verstand.

Damit ist es nun, so scheint es, vorbei. Die Linke, nicht nur in der Bundesrepublik, weiß nicht mehr so recht, was sie noch wollen darf, kann und soll. Sie hat die Fahnen eingerollt, und mit den alten Liedern ist ihr das Singen überhaupt vergangen. Derweil blasen die Konservativen zum Aufbruch. Die Umrisse einer anderen, einer "neuen und besseren Gesellschaftsordnung" beschreibt der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Wolfgang Schäuble, selbstbewußter und auch aggressiver als seine politischen Gegner. Der Erbe Helmut Kohls hat mit seinem Buch "Und der Zukunft zugewandt" der alten Becher-Hymne eine Zeile und der SPD den Anspruch auf die Zukunft, auf das Monopol auf Reformen geraubt. Mitten in der Krise der Volksparteien versucht Schäuble eine grundsätzliche Antwort auf das Dilemma der Moderne und auf das Unbehagen vieler Menschen, die von Demokratie mehr erwarten als Freiheit und Wohlstand. Schäuble verwandelt die politische und soziale in eine moralische und diese in eine nationale Frage. "Die moderne Politik hat viel von ihrer moralischen Sensibilität verloren. Die Linke, die sich einmal ihres ethischen Bewußtseins rühmte, spricht nicht länger eine vernehmbare Sprache der moralischen Verpflichtung. Ihr großes Ziel, der Wohlfahrtsstaat, brachte der modernen Gesellschaft materiellen Vorteil und mehr Gleichheit, aber die ethische Energie, die seine frühen Jahre inspirierte, ist schon seit einiger Zeit im Verschwinden. Die Sozialdemokratie ist defensiv geworden, ohne moralische Vision, sie hält sich an die Erfolge der Vergangenheit, unwillig, neues Terrain für die Zukunft auszumessen." So beschreibt der Soziologe Alan Wolfe von der New School for Social Research das Dilemma der Linken: Sie erscheine erschöpft und müde, und das mache es der Rechten leicht, die Szene zu beherrschen.

Die einen schweigen von Solidarität, statt sie neu zu begründen, die anderen reden abstrakt und andächtig von der GEMEINSCHAFT, und so tragen sie alle, ein jeder auf seine Weise, zum Elend einer moralisch anspruchslosen Politik bei. Die Rhetorik der Moral kann nicht verbergen, daß der real existierende Konservatismus recht unterschiedliche, ja widersprüchliche Werte und Traditionen in sich zu verbinden sucht. Die einen argumentieren in religiösen Traditionen, betrachten die Familie als Quell der Moral und als Fundament der Gesellschaft, verstehen den Menschen als ein stets gefährdetes Wesen, das durch verbindliche Autoritäten wie Familie und Staat, Religion und Nation vor sich selbst geschützt werden müsse. Das zentrale Anliegen dieser Sozialkonservativen ist nicht die Freiheit, sondern die Gemeinschaft. Die anderen, die Wirtschaftskonservativen argumentieren in den Traditionen des ökonomischen und politischen Liberalismus, sehen im Individuum das zentrale Element und im Markt das Fundament einer freien Gesellschaft. Indem die Menschen ihre Interessen verfolgen, tragen sie zu Harmonie, Stabilität und Wohlfahrt des Ganzen bei. Ihr zentrales Anliegen sind nicht Familie und Gemeinschaft, sondern Freiheit und Markt.

Sosehr sich die Welt- und Gesellschaftsbilder der Konservativen unterscheiden, gemeinsam ist ihnen die Klage über Niedergang und Verfall: der Werte und der Traditionen, der Familie und des Standortes Deutschland. Wohin sie auch blicken, allüberall sehen sie Zeichen der Auflösung. "Vollkaskomentalität", ruft Wolfgang Schäuble in das Land, das seine Partei seit zwölf Jahren regiert; aber auch andere können Selbstverwirklichung nur als "Egoismus, Individualismus und Hedonismus" buchstabieren. Was tun? Das Heilmittel des einen ist die Krankheit der anderen. Die Welt einer entfesselten Marktwirtschaft ist eben jene Welt des Individualismus und der privaten Interessen, die die Sozialkonservativen so lautstark beklagen, weil sie Freiheit und Wahl, nicht aber Gemeinsinn und Moral kennt: all choices, no values. Ihre ideale Gesellschaft wiederum kennt zwar Bindungen, Werte und Gemeinschaft, weiß aber mit Freiheit und Pluralismus wenig anzufangen: all values, no choices.

So verbirgt die Renaissance des moralischen Diskurses in der westlichen Welt nur mühsam eine große Verlegenheit: Die Linke hat aus ihrer Tradition noch eine Ahnung davon, daß Menschen auch anderen gegenüber moralische Verpflichtungen haben. Aber ihre Mittel und Wege zu diesem Ziel sind ausgereizt. Der Wohlfahrtsstaat stößt an finanzielle Grenzen, und er läßt zunehmend die Ressource gesellschaftliche Solidarität brachliegen. Der Glaube der libertären Rechten hingegen, der Markt werde schon alle Probleme lösen, "ist von allen politischen Ideologien der modernen Welt die unmoralischste", lautet das harte Urteil von Alan Wolfe, "weil dieser Glaube nicht einmal die Möglichkeit einräumt, daß Menschen irgendwelche Verpflichtungen haben gegenüber anderen außer sich selbst."