Glückliche Schweden! Erst werden ihre Fußballer Dritte bei der Weltmeisterschaft, und keine vierzehn Tage später schlägt noch einmal die Stunde ihrer trubadurer, ihrer Sänger. Am 26. Juli nämlich ist Bellmanstag, da werden die Sauf-, Tauf-, Grab-, Liebes- und Weltschmerzlieder Carl Michael Bellmans gesungen und gespielt. Glückliche Deutsche! Rechtzeitig zum diesjährigen Bellmanstag gibt es eine neue, nicht wort-, aber pointengetreue Übersetzung von „Fredmans Episteln“, im Versmaß des Originals und mit den Noten der Originalausgabe von 1790. Und das in einem der seit jeher so praktischen Reclam-Bändchen – Bellman für jedermann, zum Mitsingen und Mitnehmen.

Obwohl selbst kein Kind von Traurigkeit und auf steter Flucht vor seinen Gläubigern, hat der königlich-schwedische Hofsekretär Bellman (1740-1795) seine mitunter blasphemischen und derben Lieder seinem Zechkumpan Jean Fredman in den Mund gelegt. Der starb 1767 an Branntwein und gebrochenem Herzen – und also geht es 82 Episteln lang um Liebe, Rausch und Tod. Ein durch und durch säkulares Sendschreiben: Aus Paulus’ Philipperbrief macht Bellman eine Epistel an die „Phil-Kipper jenseits des Königlichen Tiergartens, vorgestellet als eine biblische Pastorale in G-Dur“. Keine stumpf zu grölenden Gelagegesänge sind das, sondern hintersinnige Gedichte, der glanzvolle Beginn einer eigenständigen schwedischen Lyrik. Und so ganz nebenbei liefern die Lieder auch noch eine eindringliche Sozialstudie aus dem schwedischen Rokoko, Nachrichten über all die Bierfiedler, Schuhputzer, Zollschnüffler, Kohlenträger, Waschweiber, Milchfrauen, Heringskistenpacker, Hundsfotte undundund, die sich in Stockholms Spelunken über die Tristesse ihres Alltags hinwegtrinken und -lieben.

Die Episteln locken frisch wider protestantisches Spießertum und fahle Frömmigkeit. Die wahren Helden fallen nicht als Soldaten auf dem Schlachtfeld, sondern als Zecher in der Schenke; und Entsagung ist nun wirklich die letzte aller Tugenden: „Die Nüchternheit ist’s – die versaut uns den Tag!“ Auch vor der Musik zeigen der trunkene Dichter und sein Alter ego Fredman wenig Respekt: Schamlos wird geistlich Liedgut geklaut oder eine Händel-Melodie für eine Elegie, „figurierend auf die stattgehabte Schlägerei im Wirtshause ‚Gröna Lund‘, worauf nur mit einem Flauto-Lamentabile in c-Moll kann geantwortet werden“.

Das Leben jenseits der Promillegrenze und in fremden Betten adelt und rechtfertigt Bellman durch einen ebenso kunstvollen wie gelehrten Trick: Er setzt seine Kneipenlandschaft in eins mit den Gefilden der klassischen Idylle, in denen er sich bestens auskennt. Tritonen blasen an der Schärenküste, über den Humpen flattert Cupido, der Zapfhahn ist ein Musenquell, an dem als Nymphe und Muse Fredmans Geliebte Ulla Winblad die Röcke hebt. In Bellmans Stockholmer Arkadien ist möglich, was man in Vergils Versen und Poussins Bildern vergeblich sucht: ein Zusammentreffen von Venus und Elch.

So heiter diese Kneipen-Idylle auch ist – ihre Grundstimmung ist melancholisch. Et in Arcadia ego: In amor ist mors schon drin. Und in Bier und Schnaps leider auch: Mit einem Bein steht jeder Zecher bereits in Charons Nachen. Der Vollrausch ist Vorwegnahme und Aufschub des Todes – dieser hochprozentigen Dialektik gehorchen die Episteln bis zum letzten Tropfen. Das klingt nach Verzweiflung, aber man kann es mit Fredman und einigen Klarinetten ja auch anders sagen und singen: „Wir trinken Skol! – Alles andre ist Quark.“

Christof Siemes

  • Carl Michael Bellman: