Von Willi Winkler

Einmal eine Revolution, so eine handsame, überschaubare, klitzekleine Revolution. Am 9. November 1918 im Triumph von der Theresienwiese hinein nach München, die Soldaten in den Kasernen, die Arbeiter in den Fabriken, die Bürger in der Straßenbahn befreit, im Vorbei auch die Schwester in ihrem Friseursalon: "Revolution! Revolution! Wir sind Sieger!" Aufruhr, Aufstand, Streik, nieder mit König & Kaiser, mit uns zieht die neue Zeit. Kurt Eisner soll im Franziskaner sprechen. "Immer losgehen, einfach los! So fing alles bei mir an und hörte auf." Aber im Franziskaner "saßen breit und uninteressiert Gäste mit echt Münchnerischen Gesichtern. Hierher war nichts gedrungen. ‚Wally, an Schweinshaxn!‘ rief ein beleibter, rundgesichtiger Mann der Kellnerin zu. Niemand kümmerte sich um uns." Sie haben sie so geliebt, die Schweinshaxn.

Mit einer Versammlung will Oskar Maria Graf ein Blutbad verhindern. Nur los! Eine Gönnerin seines lyrischen Schaffens hilft. "Sie zögerte nicht und gab mir zweitausend Mark." Also die Versammlung einberufen, im Mathäsersaal, und den Bund Freier Menschen gegründet. Eine Rede, natürlich: Graf wußte nur leider nichts zu sagen, kam sich aber "pimperlwichtig" vor, bellte sein Publikum an als "Versammelte! Menschen! Rebellen! Bürger!" und war auch schon fertig.

Ein "harmloser Tolstoianer" sei der Graf, sagte ein Spartakist, die Revolution ging wieder mal nach Hause und bald blutig zu Ende. "Ich wartete gleichsam jeden Tag auf die Revolution und schrieb Gedichte auf sie." Jetzt, wo sie da war, wußte er genausowenig wie die anderen, wie’s weitergehen sollte. Also verschob Graf wie vor der Proklamation des Freistaats Bayern Luxusgüter und Lebensmittel, soff sich zu jede Nacht in der Villa eines reichen Holländers und nervte als Zensor reaktionäre Schriftleiter (und solche, die seine Gedichte abgelehnt hatten).

Eisner wurde ermordet, Landauer erschossen, Ernst Toller erhielt nach der Niederschlagung fünf Jahre Festungshaft, Mühsam ließen sie nach der Haft noch bis 1934 leben. Der kleine Revoluzzer Graf entwischte, weil sich Rainer Maria Rilke für ihn einsetzte. Graf sei eher weltfremd, "aller politischen Betätigung abgeneigt", lebe allein "in seinen künstlerischen Arbeiten".

Nur daß es den Künstler Graf dazumal, im Mai 1919, noch gar nicht gab. Ein paar Gedichte hatte er in den Wirren veröffentlicht. Der Expressionismus würgte ihn mit aller Gewalt. Der Dichter möchte "wieder durch die Straßen taumeln, / wunschlüstern, trunken, fleischdürstend". Was man hält so schreibt als junger Mensch. Die Literatur hatte ihn, und sie gab ihn nicht mehr her. Am 22. Juli 1894 wurde Oskar Graf als neuntes von elf Kindern in Berg am Starnberger See geboren. Bäckermeister, kgl. bayr. Hoflieferant war der Vater, und drunten am See, grad acht Jahre vorher, ging der kranke König Ludwig ins Wasser. Zeitgenössisch dekadent und weltgeschmerzt der Geschmack des Kindes, das sich da in der Stille nach oben bildete: Petöfi, Liliencron, Dehmel. Was man halt als junger Mensch so liest. Noch aus dem Exil in New York wird Graf Hermann Hesse für Gedichte danken, die er "daheim, beim Brotaustragen" las und memorierte.

Heimlich ließ er sich Bücher kommen, versteckte sie vor dem tyrannischen Bruder Max, der als Nachfolger des Vaters die Bäckerei Graf führte. Erfinder wollte er werden oder Tierarzt. Er meldet Patente an, arbeitet sich in die Maul- und Klauenseuche ein, eignet sich unermüdlich verbotenes Wissen an. Der Max braucht ihn aber nur als Knecht, als billige Arbeitskraft. "Ich wurde abends (im Winter um 11 Uhr, im Sommer um 9 Uhr) vom Gesellen geweckt. Die ganze Nacht ging es. Um sechs Uhr früh zählte mir Mutter das Brot in den Korb, legte Wecken obenauf. Und hinaus ging es in die frische Morgenluft bis zwölf Uhr mittags." Weiter, weiter: "Ich mußte in der Konditorei mithelfen. Schneeschlagen neben Max, Sandtorte einrühren, Mürbteig kneten Um fünf Uhr abends konnte ich schlafen gehen. Und immer dieses peitschende, drohende: ‚Los! Los! Marschmarsch!‘" Für die Firma sollte er sich schinden, nicht für was Besseres. Als der tyrannische Bruder schließlich den versteckten Bücherschatz entdeckt, läuft Oskar davon.