Zahn um Zahn

Von Bernd Loppow

Eine bohrende Frage: Wer geht schon gern zum Zahnarzt? Wohl niemand. Und dann auch noch im Urlaub? Dann erst recht nicht, sollte man meinen.

In Sopron ist alles anders. Ein heißer Julitag in dem 60 000-Einwohner-Städtchen, wenige Kilometer entfernt von der österreichisch-ungarischen Grenze und den Badestränden des Neusiedler Sees, an dessen Ufern in diesen Wochen Zehntausende Urlauber ihr Ferienglück suchen. Dort, wo sich im Sommer 1989 Tausende DDR-Bürger zur ersten kollektiven Massenflucht durch den Eisernen Vorhang sammelten: Obwohl an diesem Freitag vormittag die Quecksilbersäule schon um elf die 30-Grad-Marke überschritten hat, wimmeln und wieseln Menschen auf den Bürgersteigen des Altstadtrings und in den Gassen des historischen Ortszentrums mit seinen Gotikkirchen, Renaissanceinnenhöfen und barocken Fassaden. Man spricht deutsch, vorzugsweise mit Wiener und burgenländischem Akzent. Internationalität demonstrieren auch die Nummernschilder der Wagen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, die einen Kontrast bilden zu den Trabis, Wartburgs und Polski Fiats ihrer ungarischen Besitzer. Die teuersten Schlitten westdeutscher Automobilproduktion parken vor einer aufwendig renovierten, pastellgelben Klassizismusfassade mit schmiedeeisernen Balkonen.

"Dental-Pannonia" prangt in Großbuchstaben über dem geschwungenen Portal. Wer eine teppichausgelegte Marmortreppe in die erste Etage hinaufsteigt, erreicht einen lichtdurchfluteten, von weißen Säulen gestützten Saal, dessen Größe und Ausstattung jeder noblen Hotelhalle zur Ehre gereichen würde. In lindgrünen Ledersofas hocken, scheinbar teilnahmslos, Frauen und Männer, einige von ihnen die Hand auf den Kiefer gepreßt. Sie warten darauf, von der eleganten Rezeptionistin hinter dem Empfangstresen aufgerufen zu werden. Warten, daß sich für sie die weiße Tür öffnet, deren großformatiges Messingschild vom Ziel ihrer Reise kündet: "Zahnarztpraxis".

Bei den Wartenden handelt es sich um eine neue Gattung des Homo touristicus: Es sind Dentaltouristen, nach Ungarn angereist, um sich Kronen, Brücken, Goldfüllungen anfertigen zu lassen. Der Trip nach Sopron lohnt sich, weil immer mehr Kassen in Österreich und Deutschland nur noch für die zahnärztliche Grundversorgung geradestehen. Luxussanierungen ihrer Gebisse, für die Patienten daheim ein kleines Vermögen hinlegen müssen, sind hier für einen Bruchteil zu haben. Eine Porzellankrone beispielsweise, die in Österreich fast 1500 Mark kostet, gibt es in Sopron von gleicher Güte für ein Fünftel des Preises. Die Patienten von Dental-Pannonia vertrauen ihr Gebiß den Händen von László Szilágyi an, der diese Marktlücke am geschäftstüchtigsten ausschlachtet. In den Zimmern seiner Zahnarztpraxis bohren, fräsen und schleifen vier ungarische Zahnärzte simultan und gegen harte Währung an den Kauwerkzeugen ihrer Klienten – zwölf Stunden am Tag und sogar samstags.

Szilägyis Zahnklinik ist die größte von mehr als 120 Privatpraxen, deren Schilder überall an den Hauswänden in Sopron um Patienten buhlen. Und jedes größere Hotel beherbergt mittlerweile die Arbeitsräume eines Zahnarztes. Szilágyi kaufte und restaurierte das hundert Jahre alte, im Stadtzentrum gelegene Vorzeigehotel "Pannonia" für rund fünf Millionen Mark. Wenn Anfang August in der luxussanierten und in "Med-Hotel Pannonia" umgetauften Herberge die Betten bezogen werden, kann sein Besitzer einen dentalen Rundumservice inklusive Übernachtung anbieten.

Der deutsche Zahnarzt Dietmar Brandt bohrt im Drei-Sterne-Haus "Hotel Sopron" schon seit zehn Jahren für Schillinge, Mark und Schweizer Fränkli. Auch bei dem vierzigjährigen Ex-DDR-Bürger und früheren Olympiaschwimmer rücken mindestens drei Viertel der Patienten aus dem nahen Ausland an. Brandt: "Es hat sich schnell herumgesprochen, daß die österreichischen Zahnärzte viermal so teuer sind wie wir – bei gleicher Qualität."

Zahn um Zahn

Er betont, daß in Ungarn mit modernsten technischen Geräten und den gleichen Materialien gearbeitet wird wie im Westen. Die bei Brandt angestellte Zahnärztin Csilla Holzer versichert: "Wir stellen den Patienten offizielle Rechnungen und Zertifikate über die verwendeten Materialien aus, die von den meisten Krankenkassen in Österreich und Deutschland anerkannt werden." Der Preisunterschied des ungarischen Zahnersatzes resultiert vor allem aus den niedrigeren Löhnen. Ein angestellter ungarischer Zahnklempner verdient im Monat rund 700 Mark – soviel wie ein fleißiger Wiener Zahnarzt an einem Tag.

Sopron ist eine Goldgrube für Zahnärzte. Deren Zahl hat sich in fünfzehn Jahren verzwölffacht. Seit es nach der politischen Wende mit der ungarischen Wirtschaft bergab geht, kann sich – abgesehen von den Profiteuren der Marktwirtschaft – kaum ein Ungar leisten, eine private Zahnpflege aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Den Zahnärzten fehlte die Kundschaft, kämen sie nicht aus allen Ecken des Pußta-Landes hierher, um in der kleinen Grenzstadt mit den Zahnreparaturen der Ausländer ihr Geld zu verdienen. Fast jede Woche werden in einer neueröffneten Praxis die Bohrer angeworfen. "Die kommen her", unkt ein einheimischer Doktor über seine Kollegen, "und glauben, morgen sind sie Millionär." Nicht jeder seiner Kollegen, behauptet der Arzt, arbeite wirklich sorgfältig und seriös. Den Hang zum Schludern würden auch die Östereicher begünstigen, die bisher achtzig Prozent der Kunden stellen. Denn: "Denen kann es gar nicht billig genug sein."

Der Erfolgsdoktor Szilágyi tauchte bereits vor acht Jahren in Sopron auf, wo er – schon zu Zeiten des Gulasch-Kommunismus den Blick fest nach Westen gerichtet – sogleich daranging, zielsicher ein diversifiziertes Unternehmen aufzubauen. So betreibt er neben dem "Pannonia" ein florierendes Dentallabor, in dem Kronen, Brücken, Inlays und Implantate mit modernsten und teuersten Apparaturen aus dem Westen hergestellt werden. Trotz der kostspieligen Investitionen kann der Medizin-Manager billig sein: Ihm kommen der Währungsverfall des Forint und Niedrigstlöhne zugute. Ein Zahntechniker verdient hier weniger als 300 Mark im Monat.

Während Szilágyi stets von den "hochgeschätzten und ehrenwerten" Kollegen aus dem Westen spricht, bezichtigen diese ihre ungarische Konkurrenz gern pauschal der Inkompetenz und Pfuscherei. Denn der Exodus ihrer Kunden ins Pußtaland beunruhigt sie sehr. Vor allem prangern sie, da Ärzte im deutschen Sprachraum nicht werben dürfen, die unkonventionellen Marketingmethoden der Billiganbieter von jenseits der Grenze an. Immer wieder finden Wiener Autofahrer Handzettel hinter ihren Scheibenwischern, die für die Soproner Konkurrenz werben, inklusive eines Gutscheins über 200 Schilling. Als Retourkutsche versuchten Zahnärzte aus Wien und Niederösterreich, Dentaltouristen, bei denen Nachbehandlungen erforderlich waren, abzulehnen.

Die Anwürfe der verärgerten österreichischen Kollegen ließen den mediengewandten Profi Szilägyi bisher jedoch kalt. Immerhin weiß der graumelierte Mittfünfziger, daß auch Zahnärzte aus Österreich und aus Deutschland in seinem Labor preisgünstig Zahnersatz fertigen lassen, um ihn dann bei ihren Kassen – manchmal auch zu überhöhten Preisen – abzurechnen.

Erfolg schafft Neid. Kollegen aus Sopron werfen Szilágyi vor, in seiner "Zahnfabrik weniger auf Sorgfalt, sondern vor allem auf den Umsatz zu schauen". Mit "viel Hokuspokus", Video- und Computeranalysen würden die Patienten geblendet. Dem steht das Urteil seiner Patienten entgegen. "Einfach traumhaft", schwärmt eine gepflegte Dame mittleren Alters aus der Wiener Neustadt. Sie hat sich bei Dental-Pannonia den Oberkiefer komplett mit Porzellankronen sanieren lassen. "Anstatt 150 000 Schilling, die mein Zahnarzt daheim haben wollte, muß ich hier nur 35 000 bezahlen." Besonders begeistert ist sie von der einfühlsamen Betreuung: "Soviel Zeit wie hier nimmt sich in Österreich niemand."

Carla Svensson aus Uppsala reist bereits seit neun Jahren der Zähne wegen nach Ungarn. "Hier bekomme ich hervorragende Goldfüllungen." Und von dem Geld, das sie dabei spare, könne sie auch noch einen prima Urlaub in Ungarn machen. Ihr schwedischer Zahnarzt jedenfalls sei von der Arbeit bei Dental-Pannonia schwer angetan. Viele Patienten Szilägyis kommen auf Empfehlung von Freunden oder Arbeitskollegen. So ist seine Kartei seit 1990 auf 7900 Kunden angewachsen – und Tag für Tag werden es mehr, die sich nach einer gratis vorgenommenen Voruntersuchung mit einem Kostenanschlag auf den Heimweg machen.

Zahn um Zahn

Doch nicht nur der dentale Supersparpreis veranlaßt ganze Heerscharen von Österreichern, sich vorzugsweise am Wochenende Stoßstange an Stoßstange in den kilometerlangen Stau vor dem Ortseingang einzureihen. Sopron ist in mehrfacher Hinsicht ein Eldorado der Schnäppchenjäger, die sich das Wohlstands-, Wirtschafts- und Währungsgefälle zum ehemaligen Ostblockland zunutze machen.

Wien liegt nur fünfzig Kilometer oder eine knappe Autostunde von Sopron, dem Ödenburg der früheren k.u.k.-Monarchie, entfernt. Inzwischen machen mehr als eine Million Ausländer pro Jahr in Sopron Station. Schon Freitag morgens um zehn sind die Auslagen des Grünmarktes direkt hinter dem Omnibusbahnhof und die Regale der umliegenden Supermärkte fast leer geräumt. Aus vollgepackten Einkaufstaschen quellen Tomaten, Paprika, Knoblauchzöpfe, Salamistangen – aber auch Babywindeln, Waschmittel, Zahnpasta, einfach alles, was ein Haushalt so benötigt. Für Österreicher sind fast alle Waren und Dienstleistungen um die Hälfte billiger als zu Hause.

Fast ebenso viele Friseure wie Zahnärzte sind schon ab sechs Uhr früh zu Diensten. Der Herrenhaarschnitt mit Waschen und Fönen kostet umgerechnet fünf Mark, eine Dauerwelle das Doppelte. In den Schaufenstern der zahllosen Boutiquen ist neben Schildern mit der Aufschrift "Billig, billig" auch der aktuelle Schilling-Tageskurs angeschlagen. Dutzende von Optikern, Schnaps- und Zigarettenhändlern – die Stange für zwanzig Mark –, Kosmetik- und Schönheitssalons konkurrieren um die Schillinge der Einkaufstouristen. In einer Art Fast-Beauty-Salon an der Värkerület 55, fünfzig Meter entfernt vom "Hotel Pannonia", stehen nicht nur fünfzehn Friseursessel bereit; er beherbergt zugleich eine Zahnarztpraxis, eine Schönheitsfarm, ein Sonnenstudio und ein Diätinstitut.

Bürger aus Sopron sieht man freitags kaum auf den Straßen, dann fühlen sie sich fremd in ihrer eigenen Stadt. Die Einheimischen frotzeln – halb amüsiert und halb genervt – über ihre kapitalistischen Nachbarn: "In den Geschäften Soprons wird zur vollen Stunde die Nationalhymne Österreichs gespielt. Dann stehen alle für eine Minute stramm, und wir haben solange Zeit zum Einkaufen."

Immer mehr Soproner betrachten inzwischen die Entwicklung in ihrer Stadt mit gemischten Gefühlen. Seit vor vier Jahren der Einkaufstourismus in großem Stil begonnen hat, strömen aus allen Teilen Ungarns Unternehmer jeder Couleur nach Sopron, um Läden und Geschäfte zu eröffnen. Für diese Neugründungen fehlt den meisten Bürgern Soprons das Kapital. Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Teppich- und Seidenmanufakturen grassiert am Ort die Arbeitslosigkeit. Viele sind gezwungen, sich mit einem schlechtbezahlten Job als Verkäufer zu begnügen.

Und noch einen weiteren Nachteil müssen die Soproner erdulden: Der Shoppingtourismus treibt beständig die Preise in die Höhe. Die Stadt gilt inzwischen als die teuerste Ungarns. "Einheimische können sich viele Dinge nicht mehr leisten", klagt der 88jährige Ehrenbürger Soprons, Karl Friedrich. Die Österreicher kaufen nicht nur ein. Zu Hunderten haben sie sich in Sopron und Umgebung Wohnungen und Häuser als Wochenenddomizile gemietet oder gekauft.

Eine 50-Quadratmeter-Wohnung ohne Dusche kostet in der Stadt inzwischen umgerechnet über 40 000 Mark. Wo der Ausländer ein Schnäppchen macht, kann der ungarische Durchschnittsverdiener mit einem Einkommen von 270 Mark im Monat nicht mithalten. Sogar Land ist vor den cleveren Österreichern nicht sicher. Die Bauern Hans und Dieter aus dem grenznahen Klingenbach haben hundert Hektar Ackerland gepachtet. Darauf ziehen sie mit Hilfe billiger ungarischer Landarbeiter Tomaten und Paprika – die sie dann auf dem Markt von Sopron an ihre Landsleute verkaufen.

Zahn um Zahn

Wo die Marktwirtschaft ihre Blüten treibt, entwickeln sich auch Nachtschattengewächse. In der "Blue Piano Mistic Bar", einer von zahlreichen neuen Go-go-Bars in Sopron, läuft nachts um zwei eine Unterhaltungsshow besonderer Art: Zu Schmusemusik verlustieren sich die beiden blonden Damen mit den Künstlernamen Rita und Christina auf einem geblümten Himmelbett miteinander. Am Ende der erotischen Spiele verabschiedet sich der Discjockey mit den Worten: "Wir wünschen Ihnen eine gute Heimreise nach Österreich und gute Nacht."

Manche der Gäste legen danach auf der Umgehungsstraße Richtung Grenze noch einen Stopp in "Harry’s Bar" ein. Im Wohnzimmer des Einfamilienhauses steht der Hausherr, ein blondgelockter Niederbayer, und plaudert unverblümt über die Preise für die Dienstleistungen der sechs jungen Frauen aus Rumänien, Weißrußland und der Ukraine, die nebenan auf dem Plüschsofa sitzen: "150 Mark für die halbe Stunde mit Gummi. Wenn sich ein Mädchen zu etwas anderem überreden läßt, 50 Mark extra."

Mit dieser Branche will Neuhotelier László Szilägyi in seinem noblen Haus nichts zu tun haben. Mit achtzig Angestellten schon jetzt einer der größten Arbeitgeber am Platz, steuert er noch höhere Ziele an. Er ist dabei, das "Med-Hotel Pannonia" zu einer Kurklinik der obersten Kategorie zu entwickeln. Dabei setzt der Doktor auf den zunehmenden Körperkult solventer Westeuropäer, für die ein blendend renoviertes Gebiß nur der erste Schritt auf dem Weg in die ewige Jugend ist. Konsequenterweise lautet daher für den cleveren Medizinmann der Zauberspruch der Zukunft: "Rekreation statt Regeneration". Er plant, künftig allen Bedürfnissen des Schönheitstourismus gerecht zu werden – nach Meinung von Fachleuten ein milliardenträchtiges Geschäft. Schon jetzt arbeitet auf der Etage der Zahnklinik auch eine Beautyfarm mit modernster technischer Apparatur. Den vorwiegend weiblichen Kunden werden nur feinste Anwendungen verabreicht. Und im Erdgeschoß bietet bereits ein Optiker seine Dienste und modische Brillengestelle an.

Wenn die Renovierung seines "Palazzo Prozzo" abgeschlossen ist, werden Szilägyis gutbetuchte Kunden mit dem Wagen ins hoteleigene Parkhaus fahren können. Sie finden dann auch einen Swimmingpool mit Sauna und römischem Dampfbad vor. Und – vom nächsten Jahr an – eine weitere Klinik, die einen neuen Umsatzschub verspricht: "Von Nasen, Brüsten, Augen bis zum Lifting werden wir sämtliche Wünsche erfüllen können."

Dann kann Szilágyi für das "Med-Hotel Pannonia" und die Schönheitsfabrik Reklame machen und damit geschickt das Werbeverbot für Ärzte umgehen. Szilágyi will künftig den Bohrer ganz aus der Hand legen und sich als Generalimpresario ausschließlich um das Management seiner Schönheitsholding kümmern. Die Konkurrenten aus dem Ausland und auch den zunehmenden Verdrängungswettbewerb in Sopron fürchtet der Erfolgsarzt nicht im geringsten. Szilágyi: "Wer besser ist, wird gewinnen. So einfach ist das."

Über das gleiche Thema berichtet das ZEIT-TV-Magazin am 21. Juli um 22.30 Uhr