Doch nicht nur der dentale Supersparpreis veranlaßt ganze Heerscharen von Österreichern, sich vorzugsweise am Wochenende Stoßstange an Stoßstange in den kilometerlangen Stau vor dem Ortseingang einzureihen. Sopron ist in mehrfacher Hinsicht ein Eldorado der Schnäppchenjäger, die sich das Wohlstands-, Wirtschafts- und Währungsgefälle zum ehemaligen Ostblockland zunutze machen.

Wien liegt nur fünfzig Kilometer oder eine knappe Autostunde von Sopron, dem Ödenburg der früheren k.u.k.-Monarchie, entfernt. Inzwischen machen mehr als eine Million Ausländer pro Jahr in Sopron Station. Schon Freitag morgens um zehn sind die Auslagen des Grünmarktes direkt hinter dem Omnibusbahnhof und die Regale der umliegenden Supermärkte fast leer geräumt. Aus vollgepackten Einkaufstaschen quellen Tomaten, Paprika, Knoblauchzöpfe, Salamistangen – aber auch Babywindeln, Waschmittel, Zahnpasta, einfach alles, was ein Haushalt so benötigt. Für Österreicher sind fast alle Waren und Dienstleistungen um die Hälfte billiger als zu Hause.

Fast ebenso viele Friseure wie Zahnärzte sind schon ab sechs Uhr früh zu Diensten. Der Herrenhaarschnitt mit Waschen und Fönen kostet umgerechnet fünf Mark, eine Dauerwelle das Doppelte. In den Schaufenstern der zahllosen Boutiquen ist neben Schildern mit der Aufschrift "Billig, billig" auch der aktuelle Schilling-Tageskurs angeschlagen. Dutzende von Optikern, Schnaps- und Zigarettenhändlern – die Stange für zwanzig Mark –, Kosmetik- und Schönheitssalons konkurrieren um die Schillinge der Einkaufstouristen. In einer Art Fast-Beauty-Salon an der Värkerület 55, fünfzig Meter entfernt vom "Hotel Pannonia", stehen nicht nur fünfzehn Friseursessel bereit; er beherbergt zugleich eine Zahnarztpraxis, eine Schönheitsfarm, ein Sonnenstudio und ein Diätinstitut.

Bürger aus Sopron sieht man freitags kaum auf den Straßen, dann fühlen sie sich fremd in ihrer eigenen Stadt. Die Einheimischen frotzeln – halb amüsiert und halb genervt – über ihre kapitalistischen Nachbarn: "In den Geschäften Soprons wird zur vollen Stunde die Nationalhymne Österreichs gespielt. Dann stehen alle für eine Minute stramm, und wir haben solange Zeit zum Einkaufen."

Immer mehr Soproner betrachten inzwischen die Entwicklung in ihrer Stadt mit gemischten Gefühlen. Seit vor vier Jahren der Einkaufstourismus in großem Stil begonnen hat, strömen aus allen Teilen Ungarns Unternehmer jeder Couleur nach Sopron, um Läden und Geschäfte zu eröffnen. Für diese Neugründungen fehlt den meisten Bürgern Soprons das Kapital. Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Teppich- und Seidenmanufakturen grassiert am Ort die Arbeitslosigkeit. Viele sind gezwungen, sich mit einem schlechtbezahlten Job als Verkäufer zu begnügen.

Und noch einen weiteren Nachteil müssen die Soproner erdulden: Der Shoppingtourismus treibt beständig die Preise in die Höhe. Die Stadt gilt inzwischen als die teuerste Ungarns. "Einheimische können sich viele Dinge nicht mehr leisten", klagt der 88jährige Ehrenbürger Soprons, Karl Friedrich. Die Österreicher kaufen nicht nur ein. Zu Hunderten haben sie sich in Sopron und Umgebung Wohnungen und Häuser als Wochenenddomizile gemietet oder gekauft.

Eine 50-Quadratmeter-Wohnung ohne Dusche kostet in der Stadt inzwischen umgerechnet über 40 000 Mark. Wo der Ausländer ein Schnäppchen macht, kann der ungarische Durchschnittsverdiener mit einem Einkommen von 270 Mark im Monat nicht mithalten. Sogar Land ist vor den cleveren Österreichern nicht sicher. Die Bauern Hans und Dieter aus dem grenznahen Klingenbach haben hundert Hektar Ackerland gepachtet. Darauf ziehen sie mit Hilfe billiger ungarischer Landarbeiter Tomaten und Paprika – die sie dann auf dem Markt von Sopron an ihre Landsleute verkaufen.