Der Entschluß, sich unter Lebensgefahr am Widerstand gegen die Gewaltherrschaft zu beteiligen, ist immer aller Ehren wert, auch nach Stalingrad. Aber seine Qualität ist 1943 eben doch eine andere als zu Hitlers siegreicher Zeit... Um eine Parallele aus der Geschichte der NSDAP zu nennen: Es gab die „Alten Kämpfer“ aus Überzeugung und die „Märzgefallenen“, die sich flink den neuen Gegebenheiten anpaßten und 1933 Parteigenossen wurden. Den „Märzgefallenen“ von 1933 mögen in gewisser Weise die „Februar-Erstandenen“ von 1943 entsprechen, die sich nach Stalingrad aus ihrer Verblendung erhoben.

Ekkehard Klausa in „Westfälische Forschungen“, Heft 43/93, S. 562-563

Presseschau, 35 °C

35 Grad in Deutschland, mindestens, die Gefahr der Hirnschmelze darf nicht länger verharmlost werden, war mal ein schöner Spiegel-Titel. Im Frankfurter Schäuble-Feuilleton macht der Kollege d.R. Raulff, Ulrich, einen bemerkenswerten Vorschlag: Die Bundeswehr solle in China eingreifen und das gepeinigte Land vom Terror befreien. Nur: Mancher Rekrut, auch Söldner, will da nicht mitziehen. Kamerad Raulff, dem eigenen Bekenntnis nach selber wohl allzeit bereit, „nötigenfalls auch für sein Vaterland zu sterben“ (super!), rügt: „Im Zentrum wird die Frage stehen, ob noch die Republik und ihre Bürger berührt, was in Ruanda oder auf Haiti geschieht.“ Haiti? Moment, Haiti steht da – halt, alles zurück, Haiti, nicht China, natürlich: nicht China; China = prima, da wird abgezockt, daß sich die Schlagstöcke biegen, da hat man im Frankfurter Haus Vaterland anscheinend nichts gegen, da schweigt man ganz generös, stell dir vor, es herrscht der blanke Terror, und die Republik und ihre Bürger machen eine flotte Mark dabei, auch gut. Auch gut der Kollege Rainer Lingenthal von der Berliner Wochenpost: „Mit den (China-)Verträgen winken nicht nur Profite, auch Arbeitsplätze. Acht Millionen reale Arbeitslose in Deutschland sind auch eine Menschenrechtsverletzung ... Auch wenn das Einzelschicksal des Folteropfers in China viel grauenhafter ist als das des Wirtschaftsopfers hier: Wer das eine dort nicht sieht, ist zynisch, wer das andere hier übersieht, blauäugig.“ Scharf gedacht. Noch schärfer allerdings wäre es, von den kleinen Vorsitzenden Teng & Peng zu lernen und auch hier mal ein paar ordentliche Arbeitslager einzurichten. Dann erledigt sich das mit den acht Millionen ganz von selbst. Und im Wachturm überm Stacheldraht wäre auch noch ein Arbeitsplätzchen frei. Na was denn? Mal nicht so blauäugig – ist doch recht frisch und luftig, verglichen mit der Wochenpost bei 35 Grad!

Simply geil

Aber ja, wer litte nicht gern den Stolz mit über ein wohlgeratenes Buch! So viele Wochen, nein, Monate, mehr, Jahre darüber zugebracht, nun ist es gedruckt, gebunden, glänzt in hundert Farben, Schon steht der Verleger auf dem Markt und schreit, schreit nach Leibeskräften: Kauft, Leute, kauft! Hoffentlich hören ihn die Leute auch, denn sein Markt ist bloß ein kleiner, bunter Glanzpapierprospekt. Doch in dieser Geborgenheit gibt er nun alle Zurückhaltung auf und schreit für seine Autoren. Uns reicht es, die ersten Sätze zu zitieren: „Dieser erste Band einer einzigartigen Reihe...“ – „Die in diesem erlesenen Bildband gezeigten Bilder...“ – Diese umfassende Analyse...“ – „Diese faszinierende Studie...“ – „Dieses dynamische Buch...“ – „In diesem faszinierenden ... Buch...“ – „Dieses höchst aktuelle Buch...“ So deutsch wird allerdings nur im deutschen Prospekt der britischen Academy Group Limited gesprochen; die Bücher lassen es beim Englischen – auf die Bildung der Deutschen bauend. Oder auch bloß auf das alte, noch nie widerlegte Gerücht, die Leser dieser Bücher, die Architekten, läsen sowieso keine Texte, sie läsen nur Bilder.

Letzte Meldung

„Die Deutschen sind glücklich“, meldete eine Schlagzeile auf Seite eins der Zeitung Die Welt an diesem Montag. Das einzige, was das Glück der Deutschen trübt, so Die Welt, ist die Tatsache, daß die Deutschen gar nicht wissen, wie glücklich sie sind. Am Samstag zuvor hatte Die Welt enthüllt, daß erstens Westdeutsche länger leben als Ostdeutsche, zweitens „Angehörige der Oberschicht älter werden als solche der Unterschicht“. Sollte dies heißen, daß die Ostdeutschen nicht ganz so glücklich sind wie die Westdeutschen, die Armen nicht ganz so glücklich wie die Reichen? Welch ein Glück für Deutschland, daß es noch Zeitungen gibt wie Die Welt, Zeitungen, die ihre Leser glücklich machen – auch wenn die Leser gar nicht merken, wie glücklich sie beim Lesen sind.