Es gibt Gebäude, an die niemand rühren darf – sei es, weil sie zu den Kunstwerken gehören, die uns teuer sind, sei es, weil sie die Zeit, die sie hervorgebracht hat, so eindrucksvoll verkörpern. Solch ein Gebäude ist der Gürzenich in Köln. Er muß bleiben, was er ist, ein "heiliger Ort", wie es der Deutsche Werkbund in einer zornigen Demarche nennt, "ein Tabu".

Starke Worte. Sie wurden durch den aggressiven Plan provoziert, den die Betreibergesellschaft des berühmten Konzert- und Versammlungshauses, die KölnKongreß GmbH, im Auftrag der Stadt verfolgt. Seit die Philharmonie die meisten Konzerte auf sich zieht, hapert es an Nutzern. Doch bedauerlicherweise lautet die Aufgabe nicht, das geliebte Baudenkmal hingebungsvoll zu renovieren und ein intelligentes Programm zu finden, sondern andersherum: dem Bauwerk ein expansives Nutzungs- und Raumprogramm zu oktroyieren, das Baudenkmal notfalls anzutasten, womöglich preiszugeben. So waren erst wieder Proteste notwendig, die den stillen Gang der Ereignisse in Unordnung brachten – und nicht zuletzt an die Frage erinnerten, warum Architekten es nicht über sich bringen, einen zerstörerischen, offensichtlich unsittlichen Umbau-Auftrag abzulehnen: Das Gebäude steht unter dem Denkmalschutz der Stadt, die ihn, da er ihr unbequem geworden ist, aufzugeben bereit ist.

Der Gürzenich verdankt seinen originellen Namen dem eines Herrn, der sich im Mittelalter hier ein Stadthaus gebaut hatte. Das 15. Jahrhundert errichtete auf seinem Anwesen ein städtisches Fest- und Tanzhaus, um dessen heutige Version von 1955 es jetzt geht: um das im Zweiten Weltkrieg zerstörte, von den Architekten Rudolf Schwarz und Karl Band so einfühlsam, so eigenwillig, so vollkommen zeitgemäß wiederaufgebaute Haus. Für die Kölner ist es wie je "die gute Stube der Stadt", nach Schwarz’ poetischen Worten "ein weltlicher Bau für alles Hohe und Festliche und auch Vergnügliche ..., für Konzerte und große Reden, Festversammlungen, Mahlzeiten und Karnevalsbälle".

Vestibül und Treppen hätten darin "eine geradezu barocke Bedeutung". Die "altersdunklen Außenmauern" (der ausdrücklich nicht wieder aufgebauten Kriegsruine von St. Alban nebenan) wurden zu Innenwänden der Halle. Davor hängten die Architekten Lampenperlenschnüre, mit denen sie einen "Lichtschleier" bildeten. Fortan sollten die "Feste des Lebens" vor dem "Hintergrund des Todes" gefeiert werden.

Welch eine würdige Idee! "Es gibt wohl keinen zweiten Bau der 50er Jahre in Köln, bei dem schon eine geringfügige Veränderung der Denkmalpflege Schmerzen bereiten würde; denn dieser Gürzenich", schrieb der Denkmalpfleger Wolfgang Hagspiel, "ist eines der Gesamtkunstwerke der deutschen Nachkriegsarchitektur schlechthin." Es haben an ihm alle Kölner Künstler von Rang mitgewirkt. Doch nun drohen geradezu brachiale Veränderungen, die Schlimmes befürchten lassen. Denn der Bau soll, um ihn profitabel zu machen, mit einem in kulturlosen Betreiberkreisen üblichen Raum- und Nutzungsprogramm vollgestopft werden, selbst um den Preis seines eigenwilligen Charmes, seiner großzügigen Räumlichkeit.

Die städtische Denkmalpflege hat das Vabanquespiel der Kompromisse viel zu lange mitgemacht. Nun, da auch ihr der Kragen geplatzt zu sein scheint, wird hoffentlich klar sein: daß in das Garderobenfoyer kein zweiter Saal mit Bühne gezwängt werden darf; daß die großartige, weitläufige Treppenhalle nicht durch Garderoben entstellt, der zauberhafte "Lichtschleier" nicht einer absurden DIN-Vorstellung geopfert wird.

Die Devise hat umgekehrt zu lauten: das Baukunstwerk des Gürzenich als ein Zeitdokument zu erhalten, zugleich ein Programm zu entwickeln, das dem Gebäude angemessen ist und, wie man von ebenso kultivierten wie pfiffigen Managern erwarten sollte, erfindungsreich, animierend, infolgedessen gewinnbringend betrieben wird.

Manfred Sack