Wie sich die Zeiten doch ändern: Was sich an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn jetzt als Betrug entpuppt, wurde vor Monaten noch als eine der bedeutendsten Entdeckungen gefeiert. Damals veröffentlichte das Fachblatt Angewandte Chemie die Forschungsergebnisse einer Arbeitsgruppe um den Bonner Chemieprofessor Eberhard Breitmaier: Der Verlauf chemischer Reaktionen – so lautete, stark vereinfacht, das Resultat aufwendiger Laborexperimente – läßt sich durch ein starkes Magnetfeld steuern. Seit langem ist bekannt, daß bei zahlreichen Reaktionen sogenannte „händige“ Moleküle auftreten, die sich – wie die linke und rechte Hand eines Menschen – nur in ihrer räumlichen Orientierung voneinander unterscheiden. Bei normalem Reaktionsverlauf treten beide Formen gleich häufig auf. Laufe die Reaktion aber in einem starken Magnetfeld ab, so die Bonner Forscher, lasse sich eine Form häufiger erzielen als die andere (Angewandte Chemie, Bd. 104, S.460). Damit könne möglicherweise erklärt werden, warum bestimmte Verbindungen in der Natur häufiger vorkommen als andere.

Schon bald freilich kamen erste Zweifel auf: Wissenschaftler an anderen Hochschulen wiederholten die Experimente – ohne jedoch zu denselben Ergebnissen zu kommen. Zweifel hatte zuvor auch einer der drei Gutachter angemeldet, der die Bonner Resultate vor der Veröffentlichung in der Fachzeitschrift überprüft hatte; seine Bedenken gegen eine Publikation waren vom Chefredakteur des Blattes verworfen worden.

Angesichts der zunehmenden Kritik ließ Forschungsleiter Breitmaier die Experimente von Mitarbeitern überprüfen, die nicht an den früheren Untersuchungen beteiligt gewesen waren – alle Resultate entpuppten sich als gefälscht. Der Urheber war schnell gefunden: Dr. Guido Zadel, der mit einer Dissertation aus ebenjenem Forschungsbereich inzwischen promoviert worden und als Co-Autor auch für die Veröffentlichung mitverantwortlich gewesen war. Er hatte, wie er nun eingestand, die von ihm gewünschten Reaktionsprodukte bereits den Ausgangslösungen zugesetzt. Zadel heißt der Schuldige – doch wer ist, so die Frage bei diesem peinlichen Exempel, eigentlich für die Folgen verantwortlich?

Hauptleidtragender ist vorerst Doktorvater Breitmaier, der mit einem Betrug in Verbindung gebracht werden wird, an dem ihn selbst nicht die geringste Schuld trifft. Die finanziellen Folgen stehen dem Ansehensverlust jedoch in nichts nach: In Bonn und auch an anderen Hochschulen wurden Millionen in Experimente investiert, die wegen der Manipulationen Zadels von vornherein wertlos waren. Für zwei Doktoranden am Bonner Institut für Organische Chemie bedeuten die Fälschungen ihres ehemaligen Kollegen sogar vorerst das berufliche Aus: Ihnen mußte gekündigt werden, da die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für ihr Projekt bewilligten Mittel nun bis auf weiteres gesperrt sind.

Zwar hat das Institut für Organische Chemie seinen ehemaligen Doktoranden Zadel inzwischen entlassen. Doch weiterreichende Möglichkeiten, den Urheber des Betrugs zur Verantwortung zu ziehen, gibt es für die Bonner Universität praktisch nicht. „Bei Herrn Zadel ist doch nichts zu holen“, bringt Hans G. Trüper, der Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät, die geringen Erfolgsaussichten auf den Punkt.

Die Fakultät prüft zur Zeit, ob sie Guido Zadel wenigstens den Doktortitel aberkennen kann. Doch selbst wenn eine Dissertation auf einem Betrug beruht, läßt sich der Titel nicht ohne weiteres entziehen. „Der Doktortitel ist Bestandtteil des Namens und gehört zum gesetzlich geschützten Persönlichkeitsbereich“, erläutert Uni-Justitiar Otmar Nagel. Sollte der Titel aberkannt werden, könnte Zadel also durchaus mit Erfolgschancen dagegen klagen. Mit anderen Worten: Wer Wissenschaft fälscht, geht hierzulande nur ein geringes Risiko ein. Marco Finetti