ERLANGEN. – Und sie bewegt sich doch. Zumindest in diesem Jahr, mag die mittelfränkische Universitätsstadt 1995 auch in die alte Lethargie zurückfallen. Doch heuer wird geturnt und getrimmt, gedehnt und gestretcht, daß es eine wahre Pracht ist. Eine Stadt wird zum Turnverein – frisch, fromm, fröhlich und vor allem gut durchorganisiert. 300 Programmpunkte, übers ganze Jahr verteilt, müssen abgeturnt werden – vom Qi Gong, der sanften Bewegung für den Alltag, bis zum Tanztee für jung und alt, vom Stadtstaffellauf bis zum Mountainbike-Rennen. Und bei einem großen Spielfest, der „Knaxiade“, konnte sogar auf der grünen Wiese gekegelt werden.

Dabei hatte es im Winter, als die flächendeckende Bewegungsoffensive eingeläutet wurde, gar nicht so gut begonnen. Das etwas hüftsteife Motto „Bewegung erleben – Gesundheit erlangen“ war nicht unbedingt dazu angetan, den Bewegungsmuffel hinter dem Ofen vor- oder von der „Sportschau“ wegzulocken. Zudem gab’s vor allem Vorträge, wie man sich zu bewegen hätte, wenn man es denn täte. Mit einem Wort: Das „Sportjahr“ kam nicht so recht aus den Startlöchern.

Was unter anderem auch daran lag, daß es in einer Uni-Stadt stattfinden sollte, und da ist es halt Brauch, daß vor dem Sport das Nachdenken über den Sport steht. Man will eben nichts falsch machen, wo doch alle Rückenleidenden und sonstwie Gehemmten interessiert zuschauen. Insofern waren die Erlanger froh, als Sportamtsleiter Hans-Jürgen Dauth mit seiner Erkenntnis, daß „unser allgemeines Lebensumfeld immer bewegungsunfreundlicher wird und die daraus resultierenden Zivilisationskrankheiten drastisch zunehmen“, eine Richtung vorgegeben hatte, bei der ihm jedermann (und jede Frau) willig zu folgen vermochte. Einfach so theorielos durch Wald und Feld zu traben, das wollte keiner!

Nun gibt es ja auch kaum etwas so Gemeinschaftsstiftendes wie den Sport, speziell aber den Breitensport. Gemeinsam unter sengender Sonne die Fahrradrallye durchgestanden und mit der bislang eher im Verborgenen paddelnden Wanderrudergesellschaft über den Main-Donau-Kanal übergesetzt – sag, was kann es Schöneres geben! Da entstehen Freundschaften fürs Leben! Oder für die eigene Mannschaft den Ball auf der Torlinie gerettet – das sind doch die Erlebnisse, die uns im Alltag so schmerzlich abgehen! Das soll bei dieser Gelegenheit, und bevor wir völlig durchgeschwitzt sind, einmal festgestellt werden. Nicht nur gemeinschaftsstiftend ist der Sport, sondern auch sinnstiftend! Er sagt uns, wo’s langgeht.

Muß unsereiner da noch erwähnen, daß der Unsportliche in diesen Tagen einen schweren Stand hat in Erlangen? Wer zum Beispiel bei der „Knaxiade“ und ihrer beeindruckenden Jedermann-Gymnastik nicht auch auf den Zehenspitzen hüpfte und die Arme kreisen ließ, mußte das schon erklären. Auch faul im Straßencafe zu hocken oder sich auf der Liegewiese zu lümmeln, während ganz Erlangen im Bewegungsfieber zuckt („... und deeehnt und streckt und deeehnt und streckt...“), verlangt einiges an Charakterstärke. Manch eingefleischte couch potato mag sich da schon verzweifelt gefragt haben, ob das noch ihre Stadt ist. Einsamer nie als im August, wenn alle in kurzen Hosen und Tennissocken herumlaufen, wie schon Gottfried Benn sagte.

Bevor wir jetzt aber einen Krampf bekommen (oder sonst einen Erschöpfungstod sterben), wollen wir noch schnell gestehen, daß wir dieses Sportjahr für eine ganz wunderbare Idee halten. Sozusagen bewegt wollen wir das einräumen. Und nach Weihnachten ist dann ja auch wieder Schluß damit...! dib