Von Frank Thomsen

Die Cäsaren-Huldigung im Springer Verlag ist Chefsache. Zu den Geburts- und Todestagen, des Firmengründers Axel Cäsar Springer grübelt Ernst Cramer, Aufsichtsrat und Testamentsvollstrecker in einer Person, in den hauseigenen Blättern Welt oder Welt am Sonntag darüber, welche politische Meinung der vor neun Jahren verstorbene „unersetzliche Anreger“ wohl heute hätte – bezüglich Israel, der westlichen Allianz, Gott und der Welt. Anfang Mai, Axel Springer wäre 82 Jahre alt geworden, begann Craimer sein postmortales Gedankenlesen mit einer Bemerkung, die sich auch auf das eigene Haus bezog: „Wie oft hört man noch heute – oder gerade heute wieder – den Seufzer: Dieser Mann fehlt uns.“

Ob beabsichtigt oder nicht, Cramers Nekrolog auf den „grundsatztreuen Verleger“ liest sich wie ein Hilferuf, den wohl auch viele der rund 12 000 Mitarbeiter des Hauses unterschreiben würden. Ist der neueste Führungswechsel bei Springer eine Antwort darauf? Während der konservative Pressekonzern (Bild, Hörzu) einen immer kraftloseren Eindruck macht, strebt Cramers Aufsichtsratskollege Leo Kirch seit Jahren nach der Macht in Europas größtem Zeitungshaus. Spätestens seit der Hauptversammlung am Mittwoch vergangener Woche sind sich Branchenkenner sicher: „Ohne Kirch läuft bei Springer nichts mehr.“

Der Filmhändler aus München, den der national überzeugte Axel Springer laut einer früheren Zeugenaussage des Springer-Vertrauten Bernhard Servatius als „Kriminellen“ bezeichnet haben soll, scheint auf seinem Weg zur medialen Vormacht in der Bundesrepublik einen gewaltigen Schritt vorangekommen zu sein. Schon jetzt umfaßt das telekratische Reich des geheimnisumwitterten 67jährigen Konzernlenkers diverse Fernseh- und Filmproduktionsfirmen. Kirch beherrscht den Großteil des Programm- und Rechtehandels in Deutschland und bestimmt die Geschicke von Kommerzsendern wie Sat 1 und Deutsches Sportfernsehen. Auch beim Pay TV mischt Kirch mit: Den bislang einzigen deutschen Sender dieser Art, Premiere, hat der Medientycoon mitgegründet. Und sowohl mit dem gleichfalls mächtigen Rupert Murdoch als auch mit dem Konkurrenten Bertelsmann und der Telekom schuf Kirch Joint-ventures für Technik und Vertrieb der zukünftigen Pay-TV-Angebote. Im zweiten Fall will nun sogar die sonst zurückhaltende Europäische Kommission prüfen, ob die Gesellschafter eine zu starke Position im Pay-TV-Markt bekämen.

Von den deutschen Medienkontrolleuren und dem Kartellamt hatte Kirch bisher nichts zu befürchten. Die gesetzlichen Regelungen sind zu harmlos, die Privatfunkwächter ohne Biß: Gesellschafter Kirch darf von Sat 1 für eigene Film- und Serienlieferungen Millionenbeträge kassieren; der ebenfalls an dem Privatsender beteiligte Springer Verlag deckt die Verluste, die Sat 1 anhäufte. Die Beziehungen Kirchs zu seinem mutmaßlichen Geldgeber Otto Beisheim, Besitzer der Metro-Gruppe, sind nicht transparent. Und offiziell firmiert sein Sohn Thomas, mit dem ihn angeblich nichts als die Chromosomen verbinden, als Anteilseigner von Pro 1 und Kabelkanal. Gefahr droht dem Medienmogul – mangels Beweisen – auch nicht, wenn der Axel Springer Verlag nun zum „Maschinenraum in Kirchs gigantischer Meinungs- und Unterhaltungsfabrik“ (Spiegel) schrumpft.

Wie sehr der demokratische Diskurs in diesem Land längst durch Zeitungen und Fernsehen steuerbar geworden ist, läßt ein Beispiel erahnen: Wer im schönen Lübeck morgens zum Kaffee die Lübecker Nachrichten liest, bei der Arbeit in die Bild blickt und Radio Schleswig-Holstein hört, abends Sat 1 einschaltet und vorm Einschlafen noch in einem Ullstein-Buch schmökert, für den bleibt Meinungsvielfalt eine Illusion. Denn alle diese Medien gehören mehr oder weniger zum Verbund Kirch/Springer; im verborgenen reibt sich ein CSU-Spezi und Freund von Kanzler Kohl die Hände: Leo Kirch. Welche politische Power die unternehmerische Macht in der Informationsindustrie ermöglicht, demonstrierte gerade erst der Italiener Silvio Berlusconi, der es mit seinem Verbund aus Printmedien und TV bis zum Ministerpräsidenten brachte und ein guter Geschäftsfreund von Kirch ist.

Erst vor diesem Hintergrund gewinnt das dilettantisch anmutende Personal-Durcheinander in der Führung des Springer Verlags die richtige Bedeutung. Zwei Monate nach dem Tod des Vorstandsvorsitzenden Günter Wille präsentierte der Aufsichtsrat der Springer AG im Januar gleich drei neue Chefs: Bis zum 20. Juli sollte der ehemalige Bild-Chefredakteur und alte Springer-Kombattant Günter Prinz dem Vorstand Vorsitzen; danach bis zu seinem „Ausscheiden“ Horst Keiser, seit 1982 im Vorstand und zuletzt für Zeitschriften und Marketing verantwortlich; und schließlich sollte – ungefähr 1996 – Jürgen Richter, der erst im Mai zu Springer wechselte, die Leitung übernehmen.