Berlin-Charlottenburg, Dernburgstraße 36. Ein Schild weist auf das „Jeanette Wolf Haus“ hin. Seit einiger Zeit wird es bewacht. Ein grünweißer Polizeimannschaftswagen, im Berliner Jargon „Wanne“ genannt, parkt vor der Tür. Weißrote Gitter, wie sie für Absperrungen bei Demonstrationen benutzt werden, stehen bereit. Ein Polizist in kugelsicherer Weste patrouilliert auf dem Gehweg. Er trägt ein Funkgerät in der Hand und blickt argwöhnisch zu mir herüber, als ich meinen Wagen in der Auffahrt des Hauses Nr. 36 abstelle. Dann sieht der Polizist das Arztschild an der Autoscheibe, und, als ich aussteige, auch meine Instrumententasche. Er geht weiter.

Ich betrete das Haus mit einem traurigen Gefühl. Es ist ein Altersheim der Jüdischen Gemeinde in Berlin, in dem etwa achtzig Senioren und Seniorinnen ihren Lebensabend verbringen. Alte, kranke, hinfällige Menschen, viele von schweren Schicksalen geprägt, die von Polizisten mit Maschinenpistolen bewacht werden müssen.

Es ist ein bescheidenes Heim. In den Zimmern finden sich hier und da private Möbel, im Fahrstuhl hängen Zettel wie „Augenarzt kommt“ und „Wäsche abgeben“. Einige Heimbewohner sind an diesem sonnigen Nachmittag hinausgegangen. Sie sitzen auf den Holzbänken im Vorgarten und betrachten den jungen Polizisten freundlich. „Wissen Sie“, sagt ein 86 Jahre alter Mann, „es ist schon beruhigend zu wissen, wenn die Polizisten auf unserer Seite sind und nicht gegen uns. Als ich 1938 in der Kristallnacht mit meinem kleinen Sohn auf dem Arm in unserem Trikotagen-Geschäft in der Wollankstraße stand und die SA uns mit den Kartons aus den Regalen bewarf, da kam auch der Wachtmeister aus dem Revier. Ich kannte ihn. Er zog die Pistole und brüllte: „Hände hoch“, und die Nazis verzogen sich. Er wollte mich schützen, er war ein guter Polizist.

Von denen, die uns später ins KZ Oranienburg brachten und dort bewachten, will ich nicht sprechen. Aber ich kam lebend heraus – wir gingen nach Schanghai. Die Japaner dort prügelten die Juden mit Bambusstangen, besonders jene, die größer waren als sie. Ich hatte Glück. Weil ich eher klein von Gestalt bin, ließen sie mich laufen.

Nach Kriegsende wollten wir illegal nach Palästina, da fielen wir gleich nach der Landung der Militärpolizei in die Hände. Die waren fast doppelt so groß wie die Japaner. Sie warfen uns auf die Lastwagen. „Wie in Oranienburg“, haben wir ihnen zugeschrien. Die Militärpolizisten schienen zu verstehen. Irgendwie sind wir dann freigekommen. Später in Israel hatten wir unsere eigene Polizei und Armee – „unsere Jungens“, wie wir immer sagten. Sie taten uns leid, denn als Polizist in Israel lebte man noch gefährlicher als die anderen. Und nun? Es nimmt kein Ende mit den Zores. Was weiß ich, ob das Jingelsche mich da draußen beschützen kann vor irgendwelchen Verrückten, aber immerhin hoff ich es.“ Kurt Samuel